Es lebe der Zentralfriedhof und alle seine Toten ...

Friedhofskirche am Zentralfriedhof zum Hl. Borromäus
Friedhofskirche zum Hl. Borromäus

Geschichten und Geschichtliches gegen das Vergessen

"Tot ist nur, wer vergessen ist" (Immanuel Kant) 

Der Wiener Zentralfriedhof ist wohl jedem Wiener und jeder Wienerin ein Begriff. Aber die meisten wissen nichts bis wenig über die Geschichte dieses Friedhofs.  Auch Du gehörst du dieser Gruppe? Das kannst Du jetzt hier ändern. Ich erzähle dir gerne einiges Wissenswerte über die Entstehung dieses Ortes. Ich selbst war unzählige Male am Friedhof, bis ich begann, mich für die Geschichte dieses Ortes und auch für seine "Bewohner" zu interessieren. Immer tiefer zog mich die Materie in ihren Bann. Heute bin ich ein großer Fan des Friedhofs und versuche meine Begeisterung auch an andere weiterzugeben.

Familie Mühlstein

Die Familie Mühlstein wanderte im 19. Jahrhundert aus Polen in Wien ein. Sie zwar jüdischer Abstammung, war aber nie religiös. Dennoch waren sie von der Verfolgung durch die Nazis betroffen. Dankenswerter Weise haben mir die Nachkommen der Familie, die in Großbritannien leben, umfangreiches Material zur Verfügung gestellt. Zusammen mit meinen Nachforschungen ergibt das Ganze ein Stimmungsbild der schrecklichen Lebensumstände der damaligen Zeit. Die Geschichte dieser Familie soll auch als Weckruf an heutige Generationen verstanden werden! Wir müssen alles tun, damit nie wieder derart furchtbare Dinge geschehen. 

 

Polnische Wurzeln

Benzion Mühlstein war Schmied in Przemyṡl. Seine Partnerin war Feige Rehaut. Ob die beiden auch formal verheiratet waren, ist nicht belegt. Die beiden hatten aber mindestens 6 Kinder:

  • Sara (*1864)
  • Elias (1872-1931)
  • Marjem (1874-1877)
  • N.N. (1879-1879)
  • Mali (*1880)
  • Baruch (1882-1886)

Die älteste Tochter Sara kam bereits 1864 zur Welt. Am 31. August 1872 folgte Sohn Elias. Zwei Jahre später erblickte Marjem das Licht der Licht, die allerdings mit 3 Jahren starb. 1879 kam wieder ein Baby zur Welt. Allerdings überlebte das Kind nur 3 Tage und blieb namenlos. Die Freude über die Geburt schlug mit dem Tod in große Trauer um. 1886 verloren die Eltern auch noch ihr jüngstes Kind Baruch im Alter von 3 Jahren. 

 

Die älteste Tochter Sara heiratete 1891 den ebenfalls aus Przemyṡl stammenden Lazar Ochsenberg

 

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zog es unzählige Menschen aus allen Teilen der Monarchie nach Wien. Hier hofften sie auf Arbeit und ein besseres Leben. Die größte Gruppe der Zuwanderer kam aus tschechisch-sprachigen Gebieten Südböhmens und Südmährens. Dazu kamen Migranten aus den böhmischen Ländern, die vorwiegend in der Industrie Arbeit fanden. Bei einer ebenfalls nicht unbedeutenden Anzahl von Einwanderern handelte es sich um Juden aus den böhmischen Ländern, aus Galizien und der Bukowina. Im Gegensatz zu den anderen Migranten kamen Juden meist als Familie nach Wien.  Auch Elias, Sara und ihr Ehemann machten sich auf nach Wien, um hier ihr Glück zu versuchen.

 

Elias Mühlstein in Wien 

Elias, Sara und ihr Ehemann teilten sich in Wien in der Ferdinandgasse im 2. Bezirk eine Wohnung.  

Zeitungsausschnitt Fa. "Sara Ochsenberg, Colonialwaren und Mineralwasserhandlung"

Sara und Lazar Ochsenberg kehrten allerdings wieder nach Przemyṡl zurück, wo sie 1898 die Firma „Sara Ochsenberg, Colonialwaaren- und Mineralwasserhandlung in Przemyṡl" gründeten. Sara war Eigentümerin des Unternehmens, was für die damalige Zeit eher ungewöhnlich war. Lazar Ochsenberg fungierte als Prokurist.

 

Elias Mühlstein blieb in Wien. Er arbeitete als Schneidermeister. In Wien lernte er die aus Medyka stammende Polin (Anna) Nechume Birken (1874-1942) kennen. Ihre Eltern waren Mojzesz David Poller und Taube Güttel Birken. Interessant ist, dass sich Nechume zeitweise Anna Poller nannte, aber zumeist als Nechume Birken eingetragen wurde. Wann genau sich Elias und Nechume begegneten, ließ sich nicht feststellen. Nechume hatte 1895 in einer Gebäranstalt in Wien unter dem Namen Anna Poller die unehelichen Zwillinge Sabine und Leon Poller zur Welt gebracht. Der weitere Verbleib der Kinder und was mit ihnen geschah konnte nicht geklärt werden. Möglicherweise wurden sie zur Adoption freigegeben. 

Geburtsmatrikel Leon und Sabine Poller 1895
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