Edith Kinger ist wohl den meisten Menschen meiner Altersklasse noch bekannt als Tiervermittlerin im TV. Tiere lagen ihr aber schon immer am Herzen. In jüngeren Jahren war sie aber auch bekannt als Schauspielerin. Weniger bekannt ist wahrscheinlich, dass sie aus einer jüdischen Familie stammte.
Die Herkunftsfamilie Margulies
Der Jude Moriz Chaim Margulies stammte aus Brody in Polen, wo er am 25. Jänner 1833 geboren wurde. Er heiratete dort Amalie Finkelstein. Die beiden bekamen 3 Kinder:
- Emil (1866-1933) ⚭ Emma Weiss (1870-1940)
- Sophie Eleonore (1869-1909) ⚮ Eibuschitz, 2. ⚭ Mayer Max Sokal (1863-1942)
- Friederike (1874-1942) ⚮ Josef Hersch Landau (*1859), 2. ⚭ Isaak Lerner (*1873)
Ihr erstgeborener Sohn Emil Margulies kam noch in Brody zur Welt. Er erblickte am 27. Feber 1866 das Licht der Welt. Bald darauf dürfte die Familie innerhalb Polens übersiedelt sein. Ihre Tochter Sophie Eleonore wurde jedenfalls am 24.Juli 1868 in Bielau bei Neisse geboren. Dann scheinen sie erneut einen Ortswechsel vorgenommen zu haben. Von ihrem jüngsten Kind Friederike wurde Amalie nämlich am 28. September 1870 in Aryanyos Maroth (heutiges Zlaté Moravce in der Slowakei) entbunden. Irgendwann kam die 5köpfige Familie dann nach Wien. Sie haben zumindest eine Zeit lang in der Unteren Augartenstraße 20 gewohnt. Wie Moriz sein Geld verdient hat, ist völlig unklar. In allen Aufzeichnungen scheint er nur als „Privatier“ auf.
In den 1890er Jahren gab es einige erfreuliche Ereignisse in der Familie. Die Kinder haben geheiratet und Amalie und Moriz freuten sich über die Ankunft ihrer Enkel.
Sophie ging 1889 die Ehe mit einem Hrn. Eibenschütz ein, die aber bald wieder aufgelöst wurde. Das zweite Mal heiratete sie am 17.11.1891 den Beamten Mayer Max Sokal. Aus dieser Verbindung ging am 11. September 1892 ihr Sohn Bruno Sokal hervor. Allerdings starb der kleine Bub schon 13 Tage nach seiner Geburt, am 24. September 1892. Die Eltern versanken in tiefer Trauer um ihren Liebling. Er wurde zwei Tage später am jüdischen Friedhof in Floridsdorf in der Gruppe 3/3/28D beerdigt.
Emil Margulies war Comptoirist, d.h. kaufmännischer Angestellter in Wien. Am 12.4.1891 ehelichte er nach jüdischem Ritus in der Leopoldstadt die aus Znaim stammende Emma Weiss. Die beiden wohnten in der Nordwestbahnstraße 7. Dort kam am 5. April 1892 auch ihr erstes Kind, Margarethe zur Welt. Sie wurde immer Grete gerufen. Irgendwann übersiedelte die Familie dann in die Kaiser Josefstraße 18. Ungefähr 5 Jahre später, erblickte dann am 27.1.1897 ihr Sohn Otto dort das Licht der Welt. Emil hatte es als Händler nicht leicht. Man bekam manche Waren nur sehr schwer und das nutzten viele Besitzer von kleinen Geschäften aus. Wenn sie einmal Produkte zu günstigen Preisen bekamen, kauften sie diese in rauen Mengen. Den Großteil davon gaben sie dann zu überhöhten Preisen weiter. Emil Margulies hatte es sehr oft mit solchen Preistreibern zu tun, war aber auf die Waren angewiesen.
Die jüngste Tochter Friederike feierte am 26.3.1893 in einem israelitischen Bethaus im 1. Bezirk Hochzeit mit dem Geschäftsmann Josef Hersch Landau. Der Bräutigam war elf Jahre älter als die Braut und stammte wie Friederikes Vater aus Brody. Etwa 9 Monate später wurde am 11. Jänner 1894 Arthur Max Landau geboren. Die eheliche Beziehung war allerdings nicht von Dauer, sie wurde 1897 für aufgelöst erklärt.
10 Jahre später vermählte sich Friederike erneut. Sie heiratete den drei Jahre jüngeren Isak Lerner aus Troppau. Er war Geometer bei der K.K. Finanzlandesdirektion. Auch diesmal stellte sich 9 Monate nach der Hochzeit wieder Nachwuchs ein. Marcel Lerner erblickte am 13.12.1907 im Sanatorium Löw das Licht der Welt.
Die Zeit nach der Jahrhundertwende brachte dann aber auch einiges an Kummer, Leid und Trauer mit sich. Amalie Margulies erkrankte an Eierstockkrebs, an dem sie nach langem Leiden am 8. Mai 1908 im 69. Lebensjahr im Krankenhaus verstarb. Sie wurde zwei Tage später, am Sonntag vormittag, im israelitischen Teil des Zentralfriedhofs bei Tor 1, Gruppe 6/22/42 beerdigt. Am Grabstein ist zu lesen: „Unvergänglich wie deine aufopfernde Liebe, sind Schmerz und Dankbarkeit deiner Kinder und deines Gatten.“
Moriz musste nicht nur den Tod seiner Frau betrauern, er machte sich auch Sorgen um seine Tochter Sophie Sokal, die schwer krank war. Sie litt an einer schmerzhaften chronischen Nierenentzündung, an der sie dann auch am 21. Mai 1909 im Alter von nur 40 Jahren verstarb. Ihre letzte Ruhestätte fand sie am jüdischen Teil des Zentralfriedhofs bei Tor 1 in der Gruppe 53b/7/11. Auf ihrem Grabstein ließ ihr trauernder Ehemann folgenden Text verewigen: „Geist, Gemüt und edle Frauenwürde schmückten sie – gewannen jedes Herz. Engelsgleich trug sie des Lebens Bürde. Trug heiter und ergeben Leid und Schmerz. Nun ist er stumm, der sonst beredte Mund, erloschen sind die schönen Augensterne. Du schwandest hin und schlugst das Herze wund dem Gatten dein, dem ach du stets nun ferne.“
Schließlich schloss auch Moriz Margulies am 12. Dezember 1918 für immer seine Augen. Er starb im Alter von 85 Jahren an Altersschwäche. Er wurde am Zentralfriedhof bei Tor 1 im Grab seiner Frau Amalie beigesetzt.
Emils Sohn Otto Margulies schloss am 23. Feber 1921 in Bukarest mit der rumänischen Jüdin Nema Feldstein die Ehe. Das Paar zog nach Wien, wo sie auf der Taborstraße 11a wohnten. Ein Jahr später erblickte ihre Tochter Edith Therese am 28. März 1922 das Licht der Welt.
Am 18.12.1921 heirateten Ottos Schwester Grete Margulies und Jacque (Isak) Hirsch. Ihr Sohn Walter Hirsch wurde am 22.11.1922 geboren.
Jugendjahre der Edith Margulies
Die ersten Jahre verbrachte Edith Margulies mit ihren Eltern in Wien. Ihr Vater hatte die Export-Akademie absolviert und verdiente sein Geld als Getreideagent. Außerdem war er als Getreidefachmann an der Produktebörse Wien tätig.
In den 1930er Jahren gab es in der Familie Margulies einige Trauerfälle zu beklagen. Ottos Schwester und damit Ediths Tante, Grete Hirsch, starb am 9. Juli 1931 im Alter von nur 39 Jahren. Sie fand ihre letzte Ruhestätte am neuen jüdischen Teil des Zentralfriedhofs bei Tor 4, in der Gruppe 20/4/10.
Zwei Jahre später hauchte Ediths Großvater Emil Margulies am 8.4.1933 im Alter von 67 Jahren sein Leben aus. Er wurde zwei Tage später am neuen jüdischen Friedhof beim Zentralfriedhof Tor 4 / in der Gruppe 14a/7/13 beerdigt.
Die Ehe von Ediths Eltern ging 1934 auseinander. Nach der Trennung zog Edith mit ihrer Mutter nach Bukarest. Dort besuchte das Mädchen das Französische Lyzeum. Früh interessierte sie sich schon für die Schauspielerei. Sie absolvierte daher ein Studium an der Akademie für Dramatische Kunst und machte ihre Leidenschaft zu ihrem Beruf. Edith beherrschte außerdem neben Deutsch auch noch die Sprachen Englisch, Französisch, Italienisch und Rumänisch. Ihr große Liebe galt auch damals schon den Vierbeinern.
Ediths Vater lebte weiterhin in Wien, wo er auf der Taborstraße wohnte. Am 20. Dezember 1936 heiratete er im jüdischen Stadttempel in zweiter Ehe Lilly Engelmann (*23.6.1908). Ihre Eltern waren der Anwalt Arthur Engelmann (*1877) und seine Frau Lenny geb. Rothenberg (*1884) Lilly hatte auch noch 3 Geschwister, zu denen eine enge Beziehung bestand. Es waren dies ihr älterer Bruder, der Chemiker Walter Engelmann (*1907), ihr jüngerer Bruder Gustav Engelmann (*1912) und ihre kleine Schwester Alice Engelmann (*1915).
Auch Ediths Mutter heiratete ca. 1942 in Bukarest wieder. Ihr zweiter Ehemann war Michail Peretianu (1893-1981).
Nazizeit, Opfer und Überlebende
Nach dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich im März 1938 kam es zu immer heftigeren Übergriffen. Die Hetze gegen die jüdische Bevölkerung wurde immer massiver und unerträglicher.
Mit dem Reichstagsgesetz vom 17. August 1938 wurden alle deutschen Juden verpflichtet, sofern sie keinen typisch jüdischen Vornamen trugen, zusätzlich den Vornamen Israel bzw. Sara annehmen. Im Jänner 1939 wurde diese Verordnung auf Österreich ausgeweitet. Alle betroffenen Juden waren verpflichtet, innerhalb kürzester Zeit beim zuständigen Standesamt diese Namensänderung eintragen zu lassen. Neugeborene jüdische Kinder durften nur mehr Namen aus einer von der Behörde ausgegebenen Liste erhalten. Dies waren aber für das jüdische Volk inakzeptable Namen. Ziel des Ganzen war eine eindeutige äußere Kenntlichmachung der Juden.
Otto Margulies und die Familie seiner Frau fassten daher den späten Entschluss, Österreich zu verlassen. Im Mai 1938 stellte Gustav Engelmann mit einem Formular der israelitischen Kultusgemeinde einen Auswanderungsantrag. Er wollte mit der gesamten Familie, sowie mit seiner Schwester Lilly und deren Mann, sowie dessen Mutter Emma Margulies nach Argentinien, Nordamerika oder Australien emigrieren. Dem Ausreiseantrag wurde aber nicht stattgegeben. Otto Margulies gab dann nochmals im Juni 1938 einen Antrag für sich und seine Frau ab. Die Zeit drängte, denn sein Pass verlor im Juli 1939 seine Gültigkeit. Er wollte nach Nord- oder Südamerika, die englischen Kolonien oder Australien auswandern. Egal wohin, nur weit weg von den menschenverachtenden Zuständen im deutschen Reich. Doch auch dieser Versuch blieb erfolglos und sie konnten Wien nicht verlassen.
Mehr Glück hatte Ottos Cousin Arthur Max Landau (*1894). Er war als Journalist in Deutschland tätig und hatte am 13.3.1922 in Berlin seine Frau Maria (*23.09.1889) geehelicht. Die beiden flüchteten zuerst nach Paris und von dort gelang es ihnen,
einen Platz auf der „Normadie“ zu organisieren. Auf diesem Schiff setzten sie nach New York über, wo sie am 22.Dezember 1938 ankamen. Ihre Spur verliert sich in den 1950er Jahren.
Auch Arthurs jüngerer Halbbruder Marcel Ludwig Lerner (*1907) schaffte es, sich den Nazis zu entziehen. Er reiste auf dem Schiff „Vertura“ nach New York. 1945 war Marcel als amerikanischer Soldat in seiner alten Heimat eingesetzt. Seine erste Ehe wurde geschieden und er heiratete am 15.6.1947 die Russin Esther Zimon. Marcel war zuerst als Verkäufer tätig und seine Frau war in einem Schuhgeschäft beschäftigt. Sie lebten in Camarillo bei Los Angeles. Marcel schaffte es später als Schauspieler zu arbeiten. Er starb am 22. Dezember 1995 und wurde in Ventura beerdigt.
Ebenso konnten sich Ottos Schwager bzw. Ediths Onkel Jacob (Jacques) Hirsch (*1889) und sein Sohn Walter (*1922) rechtzeitig in Sicherheit bringen. Ende 1939 lebten sie bereits in London. Walter heiratete dort Amelie Österreicher (1924-2008). Seine Tochter Jacqueline (1958-2008) wurde wohl nach ihrem Großvater benannt. Auch Jacob dürfte nochmal geheiratet haben. Sowohl Jacob, als auch sein Sohn Walter starben im Jahr 1960. Sie wurden in London am jüdischen Friedhof Hoop Lane in der Gruppe 107 beerdigt. 2008 starben Jaqueline und ihre Mutter ebenfalls innerhalb eines Jahres. Jacquelines Leben endete am 14. Jänner 2008, das ihrer Mutter Amelie am 16. August desselben Jahres.
Am 12. April 1940 starb in Wien Ottos Mutter bzw. Ediths Großmutter Emma Margulies im Alter von 70 Jahren. Ihr blieb damit wohl viel Leid erspart. Sie wurde am neuen jüdischen Teil des Zentralfriedhofs bei Tor 4 in der Gruppe 20/4/10 beerdigt.
Bei der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 wurde beschlossen, alle Reichsjuden über 65 Jahre nach Theresienstadt zu bringen. Offiziell wurde das Lager als "Altersghetto" bezeichnet. Ottos Onkel Mayer Max Sokal wurde bereits am 28. Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert. Er war zu diesem Zeitpunkt knapp 79 Jahre alt und nicht mehr ganz gesund. Er starb am 4. September 1942 in den zentralen Krankenstuben von Theresienstadt. In seinem Totenschein wurden Altersschwäche und ein Darmkatarrh als Erkrankung vermerkt. Als Todesursache führte man Herzschwäche an. Bei einem Todesfall konnten die Gefangenen damals meistens ihre religiösen Rituale bei Bestattungen noch einhalten. Bis zum August 1942 wurden die Toten in Holzsärgen in einzelnen Gräbern bestattet. Danach erfolgte die Bestattung in Massengräbern ohne Sarg im Bohusovicer Talkessel. Im Herbst 1942 starben dort täglich mehr als 100 Menschen. Der Transport der Leichen erfolgte in der Nacht mit einem jüdischen Leichenwagen. Die Bevölkerung sollte davon möglichst nichts mitbekommen. Diese Vorgehensweise praktizierte man bis 6. Oktober 1942.
Otto Margulies und seine Frau Lilly wurden vorerst in ein Sammelquartier in der Franz Hochedlingergasse 5/1 im 2. Bezirk übersiedelt. Von dort holte man sie am 1. Oktober 1942 ab und brachte sie mit der Bahn auf dem Transport IV/12 nach Theresienstadt. Otto fand dort am 24.01.1943 den Tod. In seinem Totenschein wurde Blutvergiftung als Todesursache vermerkt. Zuvor wurde schon Neurasthenie bzw. Nervenschwäche als Erkrankung attestiert.
Seit Ende 1942 wurden die Toten zwar in Särge gelegt, dann aber im neuerrichteten Krematorium verbrannt. Man bemühte sich, die Asche jedes Verstorbenen einzeln aus dem Ofen zu schüren und in eine eigene Papp-Urne zu füllen. Neben einem peinlich genau geführten Protokoll, wurden auch die Urnen mit den Daten des jeweiligen Toten beschriftet und danach im Kolumbarium eingelagert. Im Oktober 1944 ordnete die Lagerleitung allerdings an, die Asche aus den mehr als 20.000 aufbewahrten Behältnissen in die nahegelegene Eger zu streuen.
Lilly hat den Wahnsinn überlebt. Am 9. Mai 1945 befreite die Rote Armee die zu dieser Zeit noch lebenden Gefangenen von Theresienstadt.
Ottos Schwiegereltern Arthur (*1877) und Leny Engelmann (*1884), sowie deren Kinder Alice (*1915), Walter (*1907) und Gustav (*1912) wurden von ihrem letzten Wohnsitz in der Rotenturmstraße 22/14 abgeholt und im selben Transport wie Otto und Lilly am 1. Oktober 1942 nach Theresienstadt gebracht. Ende 1943 entschied man, Theresienstadt einer Untersuchungskommission des Roten Kreuzes zu präsentieren. Damit wollte man durchgesickerte Informationen über die Vernichtungslager entkräften. In Vorbereitung darauf wurden Deportationen nach Auschwitz durchgeführt, um die Überfüllung des Lagers zu reduzieren. In weiterer Folge wurden fiktive Geschäfte, ein Kaffeehaus, eine Bank, Kindergärten, eine Schule usw. eröffnet. Die Häftlinge waren für den Besuch der Kommission am 23. Juni 1944 akribisch instruiert worden. Nach der Inspektion wurde ein Propagandafilm über das angeblich neue Leben der Juden unter dem Schutz des Dritten Reichs produziert. Nach Ende der Dreharbeiten wurde der Großteil der Darsteller des Films und die meisten Kinder des Ghettos in die Gaskammern von Auschwitz geschickt. Arthur und Leny verlegte man am 28. Oktober 1944 nach Auschwitz, wo sie vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet wurden.
Alice Engelmann blieb bis 18.12.1943 in Theresienstadt. Dann wurde sie nach Auschwitz überstellt. Am 20.07.1944 steckte man sie dort in einen Transport ins Vernichtungslager Stutthof. Dort mussten ab Oktober 1944 im sogenannten Judenlager die völlig entkräfteten Gefangenen Schwerstarbeit leisten. Viele von ihnen wurden Opfer einer Typhusepidemie, die infolge der katastrophalen Lebensbedingungen und fehlender medizinischer Hilfe auftrat. Kurzzeitig wurden in Stutthof Gefangene auch in der Gaskammer getötet. Später wurden Häftlinge in einem abgedichteten Eisenbahnwaggon einer Kleinbahn vergast. Viele Häftlinge wurden auch mit einer Genickschussanlage getötet. Dabei wurde den Delinquenten vorgetäuscht, dass man ihre Körpergröße messen wolle. Alice fand jedenfalls in Stutthof den Tod. Wann und wie ist mir nicht bekannt.
Die Brüder Walter und Gustav Engelmann transportierte man am 28. September 1944 vom Ghetto Theresienstadt ins Lager Auschwitz Birkenau. Von dort gings für beide am 10. Oktober weiter ins Lager Dachau. Walter wurde ab 26.Dezember 1944 dem Außenlager Kaufering zugeteilt. Seit Juni 1944 mussten dort die Häftlinge drei halbunterirdische Bunker zur deutschen Flugzeugproduktion bauen. Die Sterblichkeitsrate war aufgrund der katastrophalen Versorgungs- und Hygienebedingungen, sowie der völlig unzureichenden Unterbringung in Tonröhrengebäuden und Erdhütten extrem hoch. Laut Todesmeldung starb Walter dort am 24. Jänner 1945. Gustav musste ab 3. Feber 1945 ebenfalls in Kaufering schuften. Er verlor dort am 9. März 1945 sein Leben.
Somit war Lilly Margulies geborene Engelmann die einzige Überlebende ihrer Familie. Sie wanderte nach dem Krieg nach Amerika aus, wo sie in Lincoln in Nebraska lebte. Sie heiratete dort auch wieder und starb dann am 5.11.1995 als Lilly Boin.
Ottos Tante Friederike (Fritzi) Lerner war bereits zuckerkrank, als sie gemeinsam mit ihrem Mann in ein Sammelquartier in Wien verlegt wurde. Die Diabetikerin hätte eigentlich Insulin benötigt, was man ihr aber verweigerte. Sie starb am 14.7.1942 im Spital der IKG. Drei Tage später wurde ihr Leichnam am jüdischen Friedhof beim Tor 4 des Zentralfriedhofs in der Gruppe 16A/101/32 begraben.
Ihr Witwer Isak Lerner wurde am 1.10.1942 mit einem eigens für 1.000 alte und sieche Juden zusammengestellten Transport nach Theresienstadt gebracht. Isak war einer der wenigen, die den Holocaust überlebten. Er wurde in Theresienstadt befreit und ging danach vermutlich zu seinem Sohn nach Amerika.
die Schauspielerin Edith Prager
Wie und wo Edith und ihre Mutter die Zeit des Naziregimes überstanden, konnte ich nicht herausfinden. Ediths Mutter hatte wieder geheiratet und hieß nun Nema Peretianu. Auch Edith war eine Ehe eingegangen und trug den Namen Edith Prager. 1947 kam sie jedenfalls nach Wien, vermutlich gemeinsam mit ihrer Mutter und deren Mann.
Edith Prager trat dann in Wien als Schauspielerin in kleineren Theatern, wie z.B. in der Hauptrolle von "Broadwaymelodie 1492" im Theater am Parkring oder in der Insel als "Elisabeth von Österreich" in "Katharina von Medici" auf.
Zu sehen war sie auch in zahlreichen österreichischen Nachkriegsfilmen. Ihr Filmdebüt hatte sie 1948 in „Die Schatztruhe“. 1949 folgte „Märchen vom Glück“ und "Küss mich Casanova" mit O.W. Fischer in der Hauptrolle. 1950 war sie Darstellerin im deutschen Film „Spatzen in Gottes Hand“ und "die Erbschaft aus Amerika" 1951 stand sie für „Schrei nach Liebe - Wienerinnen im Schatten der Großstadt“ vor der Kamera. Mit dabei waren u.a. die Schauspieler Elisabeth Stemberger, Hilde Rom, Maria Eis und Karlheinz Böhm. Im selben Jahr entstand auch "Czardas der Herzen", wo Edith Prager zusammen mit Wolf Albach-Retty vor der Kamera stand.
Der erste Farbfilm Österreichs „Kind der Donau“ kam 1951 in die Kinos. Die Hauptrolle hatte Marika Rökk. In weiteren Rollen waren neben Edith Prager auch Harry Fuß, Fritz Muliar, Fred Liewehr, Josef Egger, Anni Rosar und Nadja Tiller zu sehen. Regie führte Maria Rökks Ehemann Georg Jacoby.
Unter der Regie von Erich Kobler spielen Albrecht Schoenhals, Edith Prager die Hauptrollen im Aufklärungsfilm „Eva und der Frauenarzt“. Es war dies eine deutsch-amerikanische Filmproduktion aus dem Jahr 1951. Rund um diesen Film kam es auch einem Skandal. Die Besitzerin des Münchner Premierenkinos "Regina" ließ für den Film ein Plakat anfertigen. Obwohl der Film an sich sehr dezent war und keine Nacktszenen gezeigt wurden, zeigte das Plakat in Sensationsgier die junge Schauspielerpaar eng umschlungen und Edith Prager im Evakostüm. Das Bild wurde zwar dem Film entnommen worden, im Original trug die Mimin aber ein hochgeschlossenes Kleid. Edith Prager fühlte sich durch das Plakat in ihrer Ehre verletzt und klagte die Kinobesitzerin wegen Verletzung des Urheberrechtes auf Schadenersatz.
1952 spielte Edith Prager mit Fritz Eckhardt, Josef Egger und Rudolf Carl in „Seesterne“. Es war dies der erste österreichische Wasserrevuefilm in Farbe.
„1. April 2000“ war ein österreichischer satirischer Science-Fiction-Film. Er spielt in der Nachkriegszeit, als Österreich bereits 55 Jahre von den Siegermächten besetzt war. Österreich möchte frei werden, wird aber angeklagt, den Weltfrieden gebrochen zu haben. Nun muss Österreich beweisen, dass es unschuldig ist. Um die Liebenswürdigkeit des Landes zu demonstrieren, wird alles aufgeboten, was man an Sehenswürdigkeiten und Berühmtheiten zu bieten hat. Dieser Film war durchaus auch als Propagandafilm in Richtung der Alliierten zu verstehen. Man wollte ein starkes Signal setzen, um endlich einen Staatsvertrag zu erhalten. Darsteller waren neben Edith Prager u.a. Josef Meinrad, Karl Ehmann, Elisabeth Stemberger, Hilde Krahl, Curd Jürgens, Waltraut Haas, Paul Hörbiger, Hans Moser, Theodor Danegger und Otto Treßler.
Wann Ediths erste Ehe beendet wurde, weiß ich leider nicht. 1954 heiratete sie aber wieder. Ihr zweiter Ehemann war Josef Harald Klinger, der Besitzer einer Textildruckerei.
1955 drehte Edith Prager u.a. mit Dorothea Neff in den Wiener Rosenhügel-Studios für den Film „Herr Puntila und sein Knecht Matti“. Der Film kam aber erst 1960 in München zur Uraufführung.
1956 wirkte sie ein letztes Mal in einem Film mit. Sie verkörperte in „Lügen haben hübsche Beine“ die Graphikerin Lixie. Gemeinsam mit Paul Hörbiger, Gunther Philipp, Oskar Sima, Adrian Hoven, Senta Wengraf und Rudolf Carl drehte sie unter der Regie von Erik Ode, der später als „der Kommissar“ im TV berühmt wurde. Edith gab dann die Schauspielerei auf und unterstützte ihren Mann in seinem Betrieb.
die Tierliebhaberin Edith Klinger
Anfang der 1960er Jahre begann Edith Klinger als Freie Mitarbeiterin bei der Kronen-Zeitung zu arbeiten. Vorerst schrieb sie Filmkritiken und Reiseberichte. Sie arbeitete zeitweise aber auch als Übersetzerin, da sie viele Fremdsprachen beherrschte. Gleichzeitig setzte sie sich als Aktivistin für Tiere ein. Ihr Bestreben war es, jedem Tier ein würdiges Leben zu ermöglichen. Sie hatte schon immer ein großes Herz für Tiere gehabt. Ab 1964 war sie Redakteurin der „Tierecke“ in der Kronen-Zeitung. Die ersten drei Jahre bekleidete sie dieses Amt unentgeltlich, da sie nicht wollte, dass sie von ihrem Engagement für die Tiere selbst profitierte. Dazu finanzierte sie auch Anzeigen für verlorene Tiere aus ihrer eigenen Tasche. Sie konnte Herzen erweichen, wenn es darum ging ein armes Tier zu versorgen. Auf der anderen Seite wurde sie fuchsteufelswild, wenn jemand sein Tier schlecht behandelte.
Nach zahlreichen Fernsehauftritten, übernahm sie 1981 schließlich die TV-Sendung „Wer will mich“. Die ersten Ausgaben wurden noch in schwarz-weiß, später dann in Farbe produziert. Die erste Sendung wurde am 23. Feber 1981 ausgestrahlt. Sendezeit war jeweils Montag bis Freitag vor der "Zeit im Bild" auf FS2 und dauerte nur fünf Minuten. Aufgrund der enorm großen und positiven Reaktionen des Fernsehpublikums wurde die Sendung bald auf 15 Minuten verlängert auf den Samstagnachmittag verlegt. Die Kennmelodie der Sendung war aus Prokofjews „Peter und der Wolf“. Edith Klinger moderierte die Sendung immer im Dirndl. Sie präsentierte Tiere, für die ein neues Zuhause gesucht wurde. Legendär waren ihre Beschreibungen und Tierangebote, die stets mit einem herzzerreißenden „Bitte, bitte“ endeten. Da gab es alle möglichen Hunde und Katzen, ganz junge, aber auch alte und kranke Tiere. Dass vor der Kamera nicht immer alles friktionsfrei ablief, zeigt eine legendäre Sendung, wo Edith Klinger mit einer kratzbürstigen Katze zu kämpfen hatte. Meldete sich jemand, der ein Tier aufnehmen wollte, dann musste sich der Anwärter einer strengen Prüfung unterziehen. Man wollte sichergehen, dass es dem Tier in seinem neuen Zuhause auch wirklich gut ging.
Am 28. Mai 1985 starb Ediths Mutter Nema Peretianu in Wien. Sie wurde am neuen jüdischen Teil des Zentralfriedhofs bei Tor 4 in der Gruppe 7 A /9/3 bei ihrem Ehemann Michail Peretianu begraben, der schon am 29. Mai 1981 gestorben war.
Im Dezember 1988 ehrte man Edith Klinger mit dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien für ihre Verdienste um den Tierschutz. Überreicht wurde ihr die Auszeichnung vom damaligen Bürgermeister Helmut Zilk. Die Laudatio hielt die Stadträtin Christine Schirmer. Unter anderen nahm auch der damalige Stadtrat Michael Häupl am Festakt teil.
1995 war Edith Klinger zu Gast bei Hermes Phettberg's 'Nette Leit Show'. Das Gespräch meisterte sie äußerst sympathisch und schlagfertig.
Ende 1999 holte der Herausgeber und Chefredakteur der Kronenzeitung, Hans Dichand, die ehemalige Flugbegleiterin, Maggie Entenfellner in die Kronenzeitung, wo er ihr Klingers Tierkolumne übertrug. Kurz darauf wurde auch „Wer will mich“ nach über 800 Folgen vom ORF als nicht mehr zeitgemäß eingestellt. Für Edith Klinger kam dies überraschend und war sehr enttäuschend für sie. Eine Nachfolgesendung „Tierzuliebe“ die von Entenfellner moderiert wurde, konnte nicht an den Erfolg von Klinger anschließen und wurde nach kurzer Zeit wieder aus dem Programm genommen.
Alter, Tod und letzte Ruhestätte
Lange Zeit lebte Edith Klinger mit einer Katze in einer Wohnung im 18. Bezirk in der Pötzleinsdorferstraße in der Nähe des Pötzleinsdorfer Schlossparks. Nach dem Tod ihres Katers lebte sie Jahre lang allein, bis sie von Pflegerinnen betreut wurde, die bei ihr wohnten. Ihr Stiefsohn Tom Klinger kümmerte sich um sie und unternahm mit ihr auch regelmäßig Ausflüge in die Umgebung. Dabei legte sie trotz ihres hohen Alters immer noch Wert auf gepflegtes Äußeres. Ein befreundeter Tierarzt schenkt ihr dann noch eine schneeweiße Katze mit grell-gelben Augen. Sie erhielt den Namen „Namenlos“ und durfte sogar mit Edith im Bett schlafen.
Rund um ihren 90. Geburtstag stürzte Edith Klinger und zog sich dabei einen Oberschenkelhalsbruch zu. Schmerzhaft, aber überraschend gut verlief ihre Genesung. Nach der Operation und Therapie konnte sie wieder in ihre vertraute Wohnung zurückkehren. Doch im Feber 2013 zog sie sich einen Infekt zu und wurde daher in die Privatklinik Konfraternität eingeliefert. Als man schon an eine Entlassung dachte, verschlechterte sich aber plötzlich ihr Zustand und kurz vor ihrem 91. Geburtstag verstarb sie am 14. März 2013 an einer Lungenentzündung. Die Verabschiedung erfolgte am 15. März im engsten Kreise nach jüdischem Ritus. Ihre letzte Ruhestätte fand Edith Klinger am neuen jüdischen Teil des Zentralfriedhofs bei Tor 4, Gruppe 13/6/1.
Bildquellen:
- Stammbaum der Fam. Margulies: © Karin Kiradi
- Heiratsmatrikel Sophie Margulies und Mayer Max Sokal: Familysearch
- Heiratsmatrikel Emil Margulies und Emma Weiss: Familysearch
- Heiratsmatrikel Friederike Margulies und Josef Hersch Landau: Familysearch
- Heiratsmatrikel Friederike Margulies und Isak Lerner: Familysearch
- Parte Amalie Margulies: Neues Wiener Tagblatt v. 10. Mai 1908, Seite 70: Anno ONB
- Grabstein v. Amalie und Moriz Margulies: © Karin Kiradi
- Parte Sophie Sokal geb. Margulies: Neues Wiener Tagblatt v. 22. Mai 1909, Seite 34: Anno ONB
- Bilder v. Grabstein Sophie Sokals: © Karin Kiradi
- Geburtsmatrikel Edith Margulies: Familysearch
- Geburtsmatrikel Walter Hirsch: Familysearch
- Parte Grete Hirsch: Der Morgen. Wiener Montagblatt v. 13. Jul. 1931 , Seite 2: Anno ONB
- Grab v. Grete Hirsch: © Karin Kiradi
- Grab v. Emil Margulies: © Karin Kiradi
- Edith Prager mit Hund: Funk und Film, Jahresauswahl 1951, Seite 5: Anno ONB
- Heiratsdokument Marcel Ludwig Lerner und Esther Zimon: Familysearch
- Grabstein Walter Hirsch: Jewish Gen
- Grabstein Jakob Hirsch: Jewish Gen
- Grab v. Emma Margulies: © Karin Kiradi
- Todesfallanzeige Otto Margulies: Holocaust CZ, CC BY-NC 3.0 CZ
- KZ-Dokument Walter Engelmann: Arolsen Archives
- Grab v. Fritzi Lerner: © Karin Kiradi
- Edith Prager als Elisabeth v. Österreich: Funk und Film, Jahresauswahl 1950, Seite 13: Anno ONB
- Zeitungsanzeige "die Schatztruhe": Funk und Film, Jahresauswahl 1848; Seite 23: Anno ONB
- Zeitungsanzeige "die Schatztruhe": Neues Österreich v. 17. Dezember 1948, Seite 6: Anno ONB
- Edith Prager in Broadwaymelodie 1492: Funk und Film, Jahresauswahl 1952, Seite 12: Anno ONB
- Zeitungsanzeige Autogrammnachmittag: Funk und Film, Jahresauswahl 1951, Seite 2: Anno ONB
- Edith Prager in "Spatzen in Gottes Hand": Funk und Film, Jahresauswahl 1952, Seite 12: Anno ONB
- Edith Prager in "Eva und der Frauenarzt": ZVAB
- Zeitungsanzeige "Eva und der Frauenarzt": Funk und Film, Jahresauswahl 1951, Seite 14: Anno ONB
- Filmplakat "Eva und der Frauenarzt": Funk und Film, Jahresauswahl 1951, Seite 16: Anno ONB
- Zeitungsanzeige "Seesterne": Funk und Film, Jahresauswahl 1952, Seite 10: Anno ONB
- Zeitungsanzeige "Seesterne": Neues Österreich v. 23. Dezember 1952, Seite 8: Anno ONB
- Edith Prager in "Seesterne": Funk und Film, Jahresauswahl 1950, Seite 5: Anno ONB
- Edith Prager bei Autogrammnachmittag: Funk und Film, Jahresauswahl 1951, Seite 11: Anno ONB
- Edith Klinger: Wikimedia: CC BY-SA 3.0 E.J.Ringhoffer
- Edith Klinger mit Katze: ONB digital: Foto Alfred Cermak, ca. 1981
- Grab v. Nema und Michail Peretianu: © Karin Kiradi
- Auszug aus Todesfallbuch: © Karin Kiradi
- Bilder v. Grab Edith Klingers: © Karin Kiradi
Quellen:
- Wikipedia
- Dokumantationsarchiv des Österr. Widerstandes: DOEV
- Tschechische Holocaust-Opferdatenbank: holocaust.cz
- Arolsen Archives
- Internationale Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem
- Genealogie-Plattform My heritage
- Filmographie: Fersehserien.de
- Cinema.de
- Arbeiter Zeitung v. 14. Oktober 1917, Seite 9: Anno ONB
- Funk und Film, Jahresauswahl 1951, Seite 5: Anno ONB
- Neues Österreich v. 20. Juni 1951, Seite 3: Anno ONB
- Rathauskorrespondenz v. 13.12.1988, Wienbibliothek Digital
- Cinema Austriaco v. 14.12.2024
- Die Presse, v. 26.4.2008
- Nachruf: Kronen-Zeitung v. 14.03.2013
- Nachruf: Youtube

































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Ingrid (Sonntag, 08 Februar 2026 11:32)
Ich kann mich noch sehr gut an Edith klinger und ihre Sendung erinnern. Die Familiengeschichte ist höchst interessant aber leider großteils sehr traurig. Vielen Dank für die wie immer tolle Recherche liebe Karin!
Theophil (Sonntag, 08 Februar 2026 12:31)
Liebe Karin, ein sehr berührender Beitrag und wieder sehr ausführlich recherchiert! Vielen Dank für Deine tolle Arbeit!
Dr.Gavriela Avni (Sonntag, 08 Februar 2026 23:13)
Durch Ihre sicher nicht einfache und aufwendige Forschung machen Sie aus Namen Menschen ,die aus der Vergessenheit heraustreten .Dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen.