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Otto Zuckerkandl (1861-1921) und Familie

ein Stammbau voll mit großen Persönlichkeiten 

Stammbaum der Familie Zuckerkandl

Das Familiengrab am Zentralfriedhof

Ehrengrab Dr. Otto Zuckerkandl am Zentralfriedhof Wien

Das Familiengrab der Familie Zuckerkandl, befindet sich im alten jüdischen Teil des Zentralfriedhofs, nahe bei Tor 1 in der Zeremonienallee (Gruppe 8/Reihe 1/46). Es ist als Ehrengrab von Dr. Otto Zuckerkandl gewidmet. 

 

Hier begraben sind Leon Zuckerkandl und seine Frau Eleonore, sowie ihre Tochter Hermine und ihr Sohn Prof. Dr. Otto Zuckerkandl.

 

Ca. 2011 wurde die Sanierung von 39 Ehrengräbern im alten jüdischen Teil des Zentralfriedhofs seitens der Gemeinde Wien und mit Hilfe des Bundesdenkmalamtes abgeschlossen. Darunter befand sich auch das Grab von Otto Zuckerkandl und seiner Familie. Es wurde saniert und neu gestaltet. 

 

Ursprünglich stand auf diesem Grab ein einfacher und wesentlich kleinerer Grabstein. Auf einer Metallplatte waren die Namen aufgedruckt. Im oberen Teil war ein Davidstern in den Stein geschlagen.  

 

Die Begründer der Familie Zuckerkandl - Leon und Eleonore

Todesanzeige Eleonore Zuckerkandl 1900

Leon Zuckerkandl (1819-1899) war Jude und stammte aus Ostpreußen. Er lebte mit seiner Frau Eleonore Zuckerkandl geb. König (1828-1900) in Györ in Ungarn.

 

Aus der Ehe gingen 6 Kinder hervor, von denen die meisten sehr bekannt wurden. Nach der Übersiedlung nach Wien, wohnte die Familie in der Plankengasse 7 im 1. Bezirk.

 

Leon und Eleonore fanden ihre letzte Ruhestätte in ihrem Familiengrab am Zentralfriedhof im alten jüdischen Teil  nahe bei Tor 1 (siehe oben).

 

Familie von Otto und Amalie Zuckerkandl (geb. Schlesinger)

Dr. Otto Zuckerkandl

Prof. Dr. Otto Zuckerkandl (1861-1921)

Otto Zuckerkandl wurde am 28. Dezember 1861 in Györ geboren, wo er auch aufwuchs.  Er studierte an der Universität Wien Medizin und promovierte 1884. Einer seiner Studienfreunde war Arthur Schnitzler

 

Von 1883-1886 war Otto Demonstrator an der ersten anatomischen Lehrkanzel bei Carl Langer. 1889-1992 erhielt er von Eduard Albert eine chirurgische Spezialausbildung an der ersten Chirurgischen Universitäts-Klinik. Anschließend wurde er im AKH Assistent von Leopold Dittel, der als Pionier der Urologie gilt. 1892 wurde Otto Dozent für Chirurgie und erhielt später Beförderungen zum außerordentlichen Professor (1904) und ordentlichen Professor (1912). 1902 übernahm er die Primararzt-Stelle am Rothschild-Spital in Wien. 1912 wurde er dort Vorstand der chirurgischen Abteilung, die er zu einer urologischen Station ausbaute.  1917/1918 war er auch Primararzt der urologischen Abteilung der Wiener Allgemeinen Poliklinik.

 

Otto Zuckerkandl spezialisierte sich auf Erkrankungen der Harnröhre, Blase und Prostata. 1919 gründete er die „Wiener Urologische Gesellschaft“ und wurde ihr erster Präsident. Die Österreichische Gesellschaft für Urologie vergibt heute noch den „Zuckerkandl-Preis“ für besondere Leistungen auf diesem Gebiet. Otto Zuckerkandl verhalf der Urologie zur Anerkennung als vollwertiges Fachgebiet. Zu seinen zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen gehört der "Atlas und Grundriss der chirurgischen Operationslehre" und "Die lokalen Erkrankungen der Harnblase". Gemeinsam mit Anton Frisch gab er ein dreibändiges "Handbuch der Urolgie" heraus. Gemeinsam mit Julius Tandler veröffentlichte er "Anatomische Untersuchungen". 

 

Am 7. Juli 1895 Jahre heirateten Otto Zuckerkandl und Amalie „Mirjam“ Schlesinger. Seine Braut konvertierte ihm zuliebe vom Christentum zum Judentum.  Der Ehe entstammen drei Kinder: Victor, Eleonore und Hermine. 1919 ließ sich Otto scheiden. Kurze Zeit später starb er am 1. Juli 1921 in seiner Wohnung am Möllwaldplatz 5 (4. Bezirk). Seine letzte Ruhestätte fand er im Familiengrab am alten jüdischen Friedhof nahe beim Tor 1 (Gruppe 8/Reihe1/46).

 

Amalie Zuckerkandl geb. Schlesinger (1869-1942)

Amalie Schlesinger kam am 01.08.1869 in Wien zur Welt. Sie war die Tochter des Schriftstellers und Journalisten Sigmund Schlesinger (1832-1918) und seiner Frau Marie (1838-1903). Amalie war die Cousine von Bertha Zuckerkandl-Szeps. Amalies Vater (Sigmund Schlesinger) und Berthas Mutter (Amalie Schlesinger) waren Geschwister. 

 

1895 heirateten Amalie und Otto Zuckerkandl. Amalie konvertierte zum Judentum. Amalie Zuckerkandl wurde allgemein "Frau Professor" genannt. Sie war eine angesehene Persönlichkeit der vornehmen Wiener Gesellschaft. Außerdem wurde sie immer wieder von jungen Offizieren umschwärmt. Während des Ersten Weltkriegs hielten sich die Zuckerkandls in Lemberg auf. Otto war dort als Arzt tätig und Amalie arbeitete in seinem Spital als Krankenschwester.

 

Nach der Scheidung 1919 räumte ihr Viktor Zuckerkandl (ihr Schwager), ein Wohnrecht im "Sanatorium West" in Purkersdorf ein. Dort lebte Amalie in bescheidenen Verhältnissen. Nach dem Anschluss Österreichs wurde das Sanatorium "arisiert" und sie musste ausziehen. Sie kam dann bei ihrer Freundin Mathilde Szeps unter. (Mathilde war das Kindermädchen von Fritz Zuckerkandl und die Witwe von Julius Szeps.) Im November 1941 musste die 72-jährige Amalie Zuckerkandl mit ihrer Tochter Eleonore in eine Sammelwohnung im 9. Bezirk, Grundlgasse 1/2, übersiedeln. Am 9. April 1942 wurden die Frauen verhaftet und nach Izbica deportiert. In weiterer Folge wurden sie vermutlich im Vernichtungslager Belzec ermordet. Ihr Eigentum fiel an das Deutsche Reich. 

 

Das Klimt-Bild "Amalie Zuckerkandl"

Klimt-Bild Amalie Zuckerkandl

Ottos Schwägerin (die Frau seines Bruders Emil) bzw. Amalies Cousine Bertha Zuckerkandl-Szeps  war mit Gustav Klimt befreundet. Die Begeisterung im Hause Zuckerkandl für Klimt war generell sehr groß. Ottos Bruder Viktor besaß ebenfalls einige Werke des Künstlers. So kam Otto auf die Idee seine Frau Amalie von Gustav Klimt malen zu lassen. Das Porträt wurde bereits 1913 in Auftrag gegeben, doch durch den Ausbruch des ersten Weltkriegs verzögerte sich die Ausführung. Später nahm Klimt die Arbeit zwar wieder auf, es blieb aber durch seinen Tod 1918 unvollendet.  

 

Nach der Scheidung des Ehepaares Zuckerkandl blieb das Bild im Besitz von Amalie Zuckerkandl. Als sie Ende der 1920er Jahre in finanzielle Schwierigkeiten geriet, verkaufte sie das Bild an Ferdinand Bloch-Bauer, der ein wohlhabender Freund und Sammler war. Der Industrielle kaufte das Bild, um seine gute Freundin zu unterstützen und wollte es ihr später rückerstatten. Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen floh Ferdinand Bloch-Bauer nach Zürich. Kurz vorher retournierte er das Bild an Amalie Zuckerkandl. Allerdings soll dies nach dem 13. März 1938 erfolgt sein. Genau diese Tatsache führte nach dem Tod von Ferdinand Bloch-Bauer zu Streitigkeiten zwischen den Erben Bloch-Bauer und Zuckerkandl. Für die Rückgabe von geraubten Kunstgegenständen aus der Nazi-Zeit ist in Österreich entscheidend was damit nach dem 13. März 1938 (der Anschlusstag gilt als Stichtag) geschah. 

 

Jedenfalls kam das Bild der Amalie irgendwie in den Besitz von Amalies Tochter Hermine Müller-Hoffmann. Ihr Mann verkaufte es 1942 an die Galeristin Vita Künstler. Als "Nichtjude" war Wilhelm Müller-Hoffmann der einzige in der Familie, der eine solche Transaktion noch tätigen konnte.  

 

Nach 1948 bot Vita Künstler Hermine Müller-Hoffmann das Bild zum Rückkauf an. Hermine konnte sich das Portrait allerdings nicht leisten und bat die Kunsthändlerin es zu behalten. Daraufhin verfügte Vita Künstler testamentarisch, dass das Bild nach ihrem Tod an das Belvedere gehen soll. Hermine gutierte dies in einem Brief 1965 mit den Worten: "Damit bin ich ganz zufrieden." Vita Künstler schenkte das Bild aber noch zu ihren Lebzeiten 1988 dem Belvedere. 

 

Um 2000 wandten sich die Erben Bloch-Bauers und Zuckerkandls an den Rückgabebeirat. Er sollte klären ob und an wen das Bild zurückgegeben werden müsste. Der Beirat kam 2005 zum Schluss, dass das Bild im Belvedere bleiben sollte, da sich nicht mehr kläre ließ wem es zuletzt gehörte.  Die Erben setzten darauf vorerst eine Schiedskommission ein.  Als auch hier das Urteil zu Gunsten der Republik ausfiel, wurden die Gerichte bemüht. Schließlich sprach der Oberste Gerichtshof 2008 das Bild endgültig der Republik Österreich zu und es verblieb somit im Belvedere. 

 

Nachkommen von Otto und Amalie Zuckerkandl

Otto und Amilie Zuckerkandl mit den Töchtern in Brioni
Otto und Amalie Zuckerkandl mit den Töchtern in Brioni

Die Tochter Eleonore (1898-1942) heiratete Paul Stiastny. 1927 erbte Eleonore nach ihrem Onkel Viktor Zuckerkandl, dessen Ehe kinderlos geblieben war, einen Teil vom Sanatorium Purkersdorf. 1930 wurde ihr Ehemann dort Geschäftsführer. Er war aber kaufmännisch mäßig erfolgreich. Bevor Trude Zuckerkandl, die Frau von Fritz Zuckerkandl, das marode Unternehmen sanieren konnte, erfolgte der "Anschluss" Österreichs. Unter dem Applaus der Nachbarn musste Eleonora gemeinsam mit ihrer Mutter Amilie den Gehsteig mit der Zahnbürste reinigen. Währenddessen stahl man aus ihrem Haus Arbeiten von Kolo Moser und Josef Hoffmann. Im Zuge der Arisierung des Sanatoriums mussten sie in eine Sammelwohnung im 9. Bezirk übersiedeln. Anfang 1942 wurde Eleonore gemeinsam mit ihrer Mutter Amalie verhaftet, deportiert und vermutlich im KZ Belzec vernichtet. Paul Stiasty wurde Ende 1942 nach Theresienstadt und dann weiter nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.  

 

Sohn Viktor (1896-1965) wurde Musikwissenschaftler und flüchtete 1938 in die USA. 

 

Tochter Hermine (1902-2000) erbte ebenfalls einen Teil vom Sanatorium Purkersdorf. Sie heiratete am 12.04.1922 den Maler Wilhelm Müller-Hoffmann (1885-1948). Er war seit 1919 Professor an der Kunstgewerbeschule in Wien. Im November 1921 ließ er sich von seiner ersten Frau, Eva Huch, scheiden und erhielt von der Kirche eine Dispens (Ausnahmegenehmigung für eine Wiederverheiratung). Er wurde allerdings verpflichtet, weiterhin für seine geschiedene Gattin zu sorgen. Nach dem Anschluss Österreichs wurde er "beurlaubt". Vorgeworfen wurde ihm die langjährige Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge. Außerdem hatte er ein Spottgedicht auf Adolf Hitler verfasst. Obwohl Hermine der römisch-katholischen Kirche beigetreten war, galt sie als Jüdin und ihre beiden Söhne Viktor Carl und Rudolf Immanuel als Halbjuden. Wilhelms Werk wurde für "degeneriert" erklärt und zerstört. Pläne zur Emigration der gesamten Familie scheiterten. Doch 1939 gelang es ihnen zumindest ihre beiden Söhne nach Schweden zu schicken und somit in Sicherheit zu bringen. Um die finanzielle Not zu lindern, verkaufte Wilhelm Müller-Hofmann mehrere Bilder aus dem Eigentum von Amalie Zuckerkandl. Unter falscher Identität überlebte das Ehepaar das NS-Regime in Bayern. Nach Kriegsende kehrten sie nach Wien zurück und bezogen eine Wohnung im Belvedere. Wilhelm konnte wieder an der Hochschule für angewandte Kunst unterrichten. Dies machte er bis zu seinem Tod im September 1948. Hermine starb im Mai 2000 im Alter von 98 Jahren.  Ihren Bestattungsort konnte ich leider nicht eruieren.  

 

Familie von Viktor und Paula Zuckerkandl (geb. Freund)

Viktor Zuckerkandl

Viktor Zuckerkandl (1851-1927)

Viktor Zuckerkandl wurde am 11. April 1851 in Györ geboren, wo er auch aufwuchs. Nach der Schulzeit trat er in die Österreich-ungarische Armee ein. Ab 1882 arbeitete er in der Drahtfabrik „Heinrich Kern & Co.“ in Gleiwitz. 1887 wurde er kaufmännischer Direktor der „Oberschlesischen Eisen-Industrie-AG für Bergbau und Hüttenbetrieb“ und 1904 deren Generaldirektor. Er gründete und leitete auch die „Russische Eisenindustrie-AG“ in Gleiwitz. Er übernahm u.a. die "Hantke Gesellschaft" mit mehreren Standorten in Polen und baute sie zu einem internationalen Konzern aus. 

 

Innenansicht des Sanatorium Purkersdorf

1901 erwarb Zuckerkandl in Purkersdorf ein großes Grundstück mit einer Heilquelle und mehreren Villen. Aufgrund einer Empfehlung seiner Schwägerin Berta Zuckerkandl-Szeps ließ er in den Folgejahren den Architekten Josef Hoffmann dort das Sanatorium Westend in Purkersdorf errichten und durch die Wiener Werkstätte ausstatten. Es wurde ein Vorzeigeobjekt des Jugendstils. Bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 war es weniger Heilanstalt, als vielmehr ein Treffpunkt der internationalen Hautevolée. In der Kuranstalt Victor Zuckerkandls gaben sich Geldadel und alles was Rang und Namen hatte die Klinke in die Hand. Mahler, Hoffmannsthal, Schönberg, Zemlinsky und Schnitzler waren hier ebenso zu Gast wie Maharadschas und Dollarmillionäre.

 

1916 zogen die Zuckerkandls nach Berlin, wo Viktor im Grunewald eine weitere vollausgestattete Villa erwarb. Die Sommermonate verbrachten sie nach Möglichkeit weiterhin in Purkersdorf.   

 

Klimt-Bild Paula Zuckerkandl

Victor war verheiratet mit Paula Freund aus Gleiwitz. Die Ehe blieb kinderlos. 

 

Wie seine Brüder betätigte sich Victor als Kunstsammler und Mäzen. Schwerpunkte seiner Sammlung waren Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen des 19. Jahrhunderts und des Secessionsstils (Gustav Klimt, Walter Leistikow, Carl Moll u. a.), Miniaturen, Kupferstiche und qualitätvolle Möbel im Empire- und Jugendstil. Zu seiner Sammlung gehörte auch ein Bild seiner Frau Amalie, das Gustav Klimt gemalt hatte. Hinzu kam eine aus über 1200 Stücken bestehende Sammlung ostasiatischer Kunst. Dafür ließ er 1907 in der Nähe des Sanatoriums eigens eine Villa als „Japanisches Museum“ herrichten. Während des Ersten Weltkrieges schenkte er die Ostasia-Sammlung dem Breslauer "Museum für Kunstgewerbe und Altertümer". Das Museum wurde im Zweiten Weltkrieg allerdings zerstört und geplündert. Ein kleiner Teil der Sammlung befindet sich heute im Breslauer Nationalmuseum.

 

In Zusammenhang mit seinem Umzug nach Berlin ließ Viktor Zuckerkandl im Oktober 1916 einen Teil seiner antiken Möbel und seiner Kunstsammlung beim Wiener Auktionshaus C. J. Wawra versteigern.

 

Viktor Zuckerkandl starb plötzlich und unerwartet am 9. Februar 1927 in Berlin. Seine Frau Paula folgte ihm nur 3 Monate später. Die Begräbnisstätte der beiden konnte ich leider nicht eruieren. 

 

der Nachlass von Viktor und Paula Zuckerkandl

Nach dem Tod von Viktor und Paula Zuckerkandl wurde das Erbe unter der Verwandtschaft aufgeteilt. Das Gros der immer noch stattlichen Kunstsammlung wurde im Mai 1928 bei C. J. Wawra versteigert. Unverkauft blieb z.B. das 1836 entstandene Bild „Kinder aus der Schule kommend“ von Waldmüller. Viktors Schwester Amalie Redlich übernahm es zusammen mit anderen Kunstwerken unter Anrechnung auf ihren Erbteil. 7 Gemälde von Gustav Klimt verkaufte die Erbengemeinschaft an die Österreichische Galerie. Darunter waren zwei große Porträts von Paula und Amalie Zuckerkandl.  Die verbliebenen Werke verteilte man untereinander. 3 davon kamen in den Besitz Amalie Redlichs. Es waren dies die Bilder "Cassone", "Litzlberg am Attersee" und ihr Porträt. Nach der Deportation und Ermordung Amalies wurden ihre Bilder durch die Geheime Staatspolizei beschlagnahmt.

 

Das Sanatorium Purkersdorf wurde unter den Nichten und Neffen aufgeteilt. Ab 1930 führte Paul Stiassny den Betrieb wenig erfolgreich weiter. Trude Zuckerkandl, die Ehefrau von Fritz Zuckerkandl,  versuchte 1938 das marode Unternehmen zu sanieren. Vor einer wirtschaftlichen Erholung erfolgte allerdings der "Anschluss" Österreichs im März 1938. Das Sanatorium wurde arisiert und die Besitzer enteignet. Irene Etzersdorfer beschreibt dies in einem Kapitel ihres Buches "Arisiert: Eine Spurensuche im gesellschaftlichen Untergrund der Republik". 

 

Nach der Deportation von Amalie Redlich und ihrer Tochter Mathilde kaufte Hans Gnad der Kontrollbank das Objekt um nur 3.770,- Reichsmark ab. Gnad war ein Wiener Schilderfabrikant und bereits in der Verbotszeit ab 1932 nationalsozialistisch aktiv gewesen. Er schenkte das Sanatorium seinem gleichnamigen Sohn, der Medizin studierte, zur Promotion. Obwohl die beiden Gnads treue Parteigenossen waren, bot ihre Anstalt doch einigen politisch gefährdeten Personen und sogar jüdischen Patienten Unterschlupf und Schutz vor Verfolgung. Dafür setzte sich der zeitweilige Chefarzt Kurt Braun ein, der selbst kein Sympathisant des Regimes war.

 

Nach dem Krieg versuchten die überlebenden Eigentümer Fritz Zuckerkandl und Hermine Müller-Hofmann für ihre Familie zu retten, was noch zu retten war. Viel war nicht geblieben. Das Gebäude war ab 1941 als Kriegslazarett verwendet worden, die Einrichtung zerstört oder geplündert. Am 18.2.1948 wurde das Rückstellungsverfahren eingeleitet, das im Juli 1952 mit einem Vergleich endete. Fritz Zuckerkandl, Müller-Hofmann und Georg Jorisch erhielten das Sanatorium zu je einem Drittel zurück. Sie verkauften es an die Evangelische Kirche, die es vorerst als Krankenhaus nutzte. Nachdem der Betrieb eingestellt wurde, war es lange Jahre ungenützt und stand leer. Nach Umbau und Renovierung dient es jetzt als Seniorenpflegeresidenz

 

Familie von Amalie Zuckerkandl verh. Redlich

Amalie Zuckerkandl (verh. Redlich, geschiedene Rudinger) (1868-1941)

Amalie Zuckerkandl wurde am 18. April 1868 in Budapest geboren.  1893 heiratete sie  Julius Rudinger. Aus dieser Ehe stammt ihre Tochter Mathilde. 1901 ließ sich Amalie scheiden und heiratete den Neuropathologen Dr. Emil Redlich.  

 

Nach dem Tod ihres Bruders Viktor und dessen Frau Paula Zuckerkandl erbte Amalie Redlich 1927 einen Teil des Sanatoriums Purkersdorf. Aus dem Nachlass ihres Bruders erwarb Amalie Redlich mehrere Gemälde. Von Gustav Klimt "Litzlberg am Attersee", "Kirche in Cassone" und von Ferdinand Georg Waldmüller "Der Schulgang".

 

Als ihr Mann Emil 1930 starb, übersiedelte sie in die „Villa Eugen“ auf dem Sanatoriumsgelände. 1935 ließ sich ihre Tochter Mathilde Jorisch scheiden und zog mit ihrem Sohn Georg Jorisch zu Amalie nach Purkersdorf. 

 

Während Amalies Schwiegersohn Luis Jorisch mit seinem Sohn Georg (später "Georges") 1939 nach Belgien floh, blieben Amalie Redlich und ihre Tochter Mathilde in Purkersdorf. Im Sommer 1939 wurde das Sanatorium Purkersdorf durch die Kontrollbank für Industrie und Handel enteignet. Die beiden Frauen erhielten zunächst ein Wohnrecht in einem Nebengebäude. 1941 wurden sie dann allerdings nach Lodz deportiert und im dortigen KZ ermordet.

 

Nachlass

Nach Amalies Deportation wurde ihre Kunstsammlung von einem mit der Gestapo kooperierenden Möbelhändler abtransportiert. Friedrich Welz erwarb bei diesem 1941 die Gemälde "Litzlberg am Attersee" und "Kirche in Cassone" von Gustav Klimt. "Kirche in Cassone" verkaufte er vor 1945 an eine Privatperson weiter. "Litzlberg am Attersee" kam durch ein Tauschgeschäft in den Besitz der Salzburger Landesgalerie. 1982 ging es ans  Rupertinum

Klimt-Bild Litzlberg am Attersee

Amalies Enkel Georges Jorisch überlebte in Belgien den Nationalsozialismus. Sein Vater Luis Jorisch kehrte 1947 nach Wien zurück, um den Nachlass seiner Schwiegermutter zu suchen. Er wurde jedoch nicht fündig. Georges Jorisch wanderte in den 1950er Jahren nach Kanada aus. Ende der 1990er Jahre begann er mit der Suche nach den verschwundenen Gemälden. Im Zuge einer privaten Restitution wurde 2009 "Kirche in Cassone" von Gustav Klimt an Georges Jorisch zurückgegeben. 2011 gab das Land Salzburg "Litzlberg am Attersee" von Gustav Klimt zurück. Als Dank für diese Restitution spendete Georges Jorisch eine großzügige Summe für den Umbau des ehemaligen Wasser- und Aussichtsturms auf dem Mönchsberg. Dieses Gebäude trägt seit 2014 den Namen "Amalie-Redlich-Turm".

Das Gemälde "Der Schulgang" von Waldmüller erwarb Georges Jorisch aus Privatbesitz zurück und schenkte es dem Musée des Beaux-Arts Montreal. Damit dankte er der Stadt für seine Aufnahme nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

Familie von Robert und Therese Zuckerkandl (geb. Kern)

Dr. Robert Zuckerkandl

Dr. Robert Zuckerkandl (1856-1926)

Robert Zuckerkandl wurde am  5. Dezember 1856 in Györ geboren. Nach der Schule studierte er Rechtswissenschaften an der Universität Wien, promovierte und wurde von Carl Menger habilitiert.  

 

Von Oktober 1882 bis Mitte 1888 war Robert Zuckerkandl Redakteur der Österreichischen Eisenbahn-Zeitung. 1889 wurde er als Hof- und Gerichtsadvokat in Wien zugelassen. Kurz davor erschien seine Veröffentlichung „Zur Theorie des Preises“. 1894 wurde er a.o. Professor an der Deutschen Universität Prag und erhielt 1896 die ordentliche Professur. Mit seinen Werken und seiner Lehre trug Zuckerkandl wesentlich zur Verbreitung der Ideen der Österr.  Schule bei.

 

 Therese Zuckerkandl (geb. Kern) (1861-1942) 

Therese Zuckerkandl

Robert Zuckerkandl war verheiratet mit Therese Kern. Sie wurde am 20. Dezember 1861 in Gleiwitz als Tochter des Großindustriellen Heinrich Kern (1825-1890) und seiner Ehefrau Agnes Kern, geborene Nothmann (1840-1931), geboren. Der Vater stammte aus Österreich, wo er eine gute Bildung genossen hatte, die er auch Therese und ihrer Schwester Marie zuteil werden ließ. 1886 zog die Familie nach Berlin, da der Vater wegen seiner instabilen Gesundheit alle Ämter aufgegeben hatte. In Berlin lernte Therese Robert Zuckerkandl kennen, den sie am 20. Dezember 1887 in Wien heiratete. Nachdem Robert Zuckerkandl in Wien sein Studium abgeschlossen hatte, wurde er 1894 als „außerordentlicher Professor“ an die Deutsche Universität in Prag berufen. Somit zogen die beiden nach Prag, wo sich ihnen eine Vielfalt an Bildung und Kultur bot. Therese war u.a. Mitglied im deutschen Amateur- Fotografie- Club.

 

Kurz nachdem sich das Ehepaar in Prag eingerichtet hatte, kam die Witwe eines Onkels von Therese Zuckerkandl mit ihren 5 Kindern nach Deutschland. Ihr Mann, Maximilian Nothmann, war in Brasilien ermordet worden. Da die Ehe von Robert und Therese Zuckerkandl kinderlos geblieben war, adoptierten sie die älteste Tochter von Maximilian Nothmann. Helene Nothmann war 1880 in Rio de Janeiro geboren worden. Helene absolvierte ein naturwissenschaftliches Studium und promovierte 1912 in Prag als Bakteriologin. 1916 heiratete sie den Bauingenieur Dr. Wilhelm Langer (1887-1973). Mit ihm ging sie 1919 nach Jena, wo ihre drei Kinder Emma (geb. 1919), Herta (geb. 1921) und Gerhard (geb. 1923) zur Welt kamen. Dr. Wilhelm Langer leitete das Hydrotechnische Büro von Prof. Rudolf Straubel (= Schwager von Therese Zuckerkandl) im Zeisswerk.  

 

Robert Zuckerkandl starb am 28. Mai 1926 nach kurzer Krankheit in Prag. Sein Leichnam wurde eingeäschert. Nach dem Tod ihres Mannes zog Therese nach Jena, um in der Nähe ihrer Adoptivtochter Helene und ihrer Schwester Marie Straubel zu leben. Therese Zuckerkandl war sehr kunstinteressiert und eine leidenschaftliche Fotografin, die viele ihrer Reisen dokumentierte. In Jena wurde sie 1927 Mitglied des Jenaer Kunstvereins. Beeindruckt vom  Haus ihrer Cousine Anna Auerbach, beauftragte sie Walter Gropius mit dem Bau einer modernen Villa in der Weinbergstraße. Ausgestattet war das Haus mit Möbeln von Richard Riemerschmid. Ab 1929 wohnte Therese dort zusammen mit der Familie ihrer Adoptivtochter Helene und  deren Mann Dr. Wilhelm Langer. Das Haus gehörte zu den kulturhistorisch bedeutsamen Gebäuden Jenas. Es wurde zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt der Stadt. Ab 1933 war die Familie immer öfter antijüdischen Schikanen und entwürdigenden Repressalien ausgesetzt. Therese litt auch immer mehr an gesundheitlichen Problemen. Dr. Wilhelm Langer, ein Nichtjude, auf dessen Namen das Haus errichtet worden war, wurde von den Nationalsozialisten aufgefordert, Therese die Wohnung zu kündigen. Er lehnte dies aber ab. Im Juli 1942 erhielt Therese die Aufforderung in das Waggonlager in der Löbstedter Straße zu ziehen. Sie weigerte sich der Anweisung der Jenaer Stadtverwaltung nachzukommen. Daraufhin folgte im September 1942 der Deportationsbescheid. Therese Zuckerkandl nahm sich am 9. September 1942 das Leben.

 

Ihr Schwager Rudolf Straubel weigerte sich, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen. Daraufhin musste er aus der Geschäftsleitung des Zeiss-Unternehmens ausscheiden. Marie Straubel wurde nach der Reichspogromnacht am 10. November 1938 kurzzeitig inhaftiert. Ihr Eigentum wurde konfisziert. Nachdem im Dezember 1943 Rudolf Straubel starb, erhielt Marie im April 1944 einen Deportationsbefehl. Sie nahm sich am 20. April das Leben.

 

Stolpersteine in Jena für Therese Zuckerkandl und Dr. Helene Langer

Auch Dr. Helene Langer gehörte zu den Frauen, die nach der Reichspogromnacht 1938 verhaftet wurden. Obwohl der Verbleib in Deutschland bereits lebensgefährlich wurde, blieb sie um ihrer kranken Adoptivmutter Therese Zuckerkandl beizustehen. Während einer Dienstreise ihres nichtjüdischen Ehemannes erhielt Helene am 14. Juni 1944 den Deportationsbescheid. Am 16. Juni stürzte sie sich vom Felsen der Lutherkanzel im Jenaer Mühltal in den Tod. Auf die Initiative des "Arbeitskreises Judentum" in Jena wurden 2008 vor den ehemaligen Wohnsitzen der Toten Stolpersteine gesetzt.   


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Kommentare: 1
  • #1

    Gabi Steindl (Montag, 23 August 2021 09:27)

    Puh, das war schon anstrengend zu lesen und wie muss da erst die Recherche gewesen sein. Danke, dass du soviel Zeit aufwendest um uns so interessante Einblicke zu geben. �