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Viktor Alder Jun. (1877-1948)

Inhaber einer bedeutenden Chemie- und Munitionsfabrik

Viktor Alder Jun. war Chemiker und führte den Betrieb seines Vaters fort. Er erfand zahlreiche Munitionstypen und war im 1. WK einer der bedeutendsten Munitionsproduzenten.

 

Stammbaum Alder

Herkunft und Jugend

Viktor Emil Rudolph Alder (1877-1948)

Viktor Emil Rudolph Alder (1877-1948) erblickte am 30. Mai 1877 im 10. Wiener Gemeindebezirk in der Simmeringer Straße 120 das Licht der Welt. Er war das erste Kind von Viktor Maria Alder (1844-1896) und Maria Kopitsch (1855-1921). Aus der ersten Ehe seines Vaters gab es schon die 6jährige Halbschwester Helene Karoline (1871-1929). Hermine Alder geb. Reisser, Helenes Mutter, war kurz nach der Geburt ihrer Tochter gestorben. Der Großvater von Helene, Carl Reisser, war der Geschäftspartner von Viktor Maria Alder. Er war auch der Erfinder des Fliegenstrips.  Hinweis: Mehr über diese Familie kannst du in meinem  Blog-Artikel "Carl Reisser" nachlesen!

 

In den nächsten Jahren kamen noch 3 Geschwister dazu:

  • Rudolph (1878-1945)
  • Maria (1880-1971)
  • Ernst (1881-1918) 

Viktors Vater führte zuerst gemeinsam mit Carl Reisser die „Producten- & Patronenfüllungs-Fabrik“. Später gründete er die „Viktor Alder Chemische Produkten- und Zündkapsel Fabrik“. Hinweis: Mehr über sein Leben kannst du in meinem Blog-Artikel "Familie Alder“ mehr erfahren.

 

Viktor Jun. besuchte das Gymnasium im 6. Bezirk in Wien. Einer seiner Schulkollegen war Victor Kaplan (1876-1934), der spätere Erfinder der Kaplan-Turbine. Die beiden studierten auch gleichzeitig an der Technischen Hochschule in Wien. Daraus entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. 

 

Viktors Vater starb am 13. August 1896 im Alter von 52 Jahren bei einem Jagdunfall in Lassee. Viktor Jun. war damals erst 19 Jahre alt.  Noch während seines Chemie-Studiums stieg er gemeinsam mit seinem Bruder Rudolph in den väterlichen Betrieb ein. 

 

Die Chemische Fabrik

Chemische Fabrik Victor Alders

Nach dem Tod von Viktor Maria Alder führte seine Witwe Maria Alder das Unternehmen als „Witwenbetrieb“ weiter. Auch die beiden ältesten Söhne, Viktor Jun. und Rudolph stiegen in den Betrieb ein und kümmerten sich um die handwerklichen Belange. Neben der Fabrik in der Humboldtgasse im 10. Bezirk gehörte noch eine Vertriebsstelle in der Hundsthurmerstraße 90 (spätere Schönbrunner Straße) im 5. Bezirk zum Unternehmen. Dort befand sich ursprünglich die „Vermischtwaren- und Gifthandlung“ von Viktors Onkel Hans Alder. Als dieser im Oktober 1885 plötzlich starb, gliederte Viktors Vater das Geschäft in seinen Betrieb ein. 

 

Die chemische Fabrik entwickelte sich so gut, dass die Produktionsstätte in der Simmeringerstraße im 10. Bezirk bald zu klein wurde. Im Jahr 1900 wurde daher in Oberlaa ein neues Werksgelände bezogen.  

Werbung "Herculin"

Das Unternehmen hatte auch eine Konzession als Drogerie. Dass es nicht immer einfach war, die Abgrenzung zwischen Drogerien und Apotheken zu exekutieren, zeigt ein Prozess aus dem Jahr 1901. Arzneimittel, pharmazeutische Hilfsstoffe und einzelne Medizinprodukte unterlagen den Vorschriften der Pharmakopöe und durften ausschließlich in Apotheken vertrieben werden. Natürlich war der chemische Herstellungsbetrieb in der Lage, auch diese Produkte zu erzeugen. Er durfte sie nur nicht verkaufen. Das Unternehmen Alder wurde geklagt, weil es verbotenerweise Arzneimittel wie Kalkeisensyrup, Chloroform mit Grünöl, Hustenpulver und Zimttropfen vertrieben haben soll. Die Klage gegen das Unternehmen und damit gegen Maria Alder wurde zurückgezogen. Der Geschäftsleiter des Drogeriegeschäftes wurde allerdings zu einer Geldstrafe verurteilt, da nachgewiesen wurde, dass er tatsächlich einige verbotene Stoffe verkauft hatte. Alder entwickelte auch Produkte die wie Arzeimittel klangen, aber nicht in die Arzneimittelverordnung fielen. Der Betrieb stellte sie selbst her und bot sie auch zum Verkauf an, wie z.B. "Herculin".  

Werbung chemische Fabrik Viktor Alders

Aber auch für die aufstrebende Photographie war das Unternehmen Alder ein wichtiger Lieferant chemischer Stoffe. Viktor Alder hatte zu dieser Branche die besten Kontakte. War doch der Pionier der österreichischen Photographie, Ferdinand Hrdliczka, der Schwager von Viktors Schwestern Helene und Maria.

Hinweis: Mehr über Ferdinand Hrdliczka, der auch HERLANGO gründete, kannst du in meinem Blog-Beitrag über die "Familie Hrdliczka" nachlesen!

Ballonpatrone
Ballon-patrone

Viktor Alders Hauptaugenmerk lag aber auf der Entwicklung moderner „Spezialmunition“. Er erzeugte Granantenzünder und gilt als Erfinder der Leuchtspurmunition. Für viele seiner Entwicklungen bekam er Patente. Bereits 1900 erhielt er in Österreich und Großbritannien ein Patent für ein Verfahren, mit dem Cyanalkalien hergestellt werden konnten. Seine wichtigste Erfindung war aber die „Alder-B-Patrone“, auch "Ballonpatrone" genannt. Es handelte sich dabei um eine Brandmunition. Der "Aufschlagzünder" löste die Ladung aus, das Geschoss explodierte und setzte dabei weißen Phosphor frei. Diese Patrone wurde im Ersten Weltkrieg vor allem zur Bekämpfung von Luftzielen eingesetzt. Bald zählte Alder zu den größten Munitions- und Sprengstoffherstellern der Monarchie. Seine Erfindungen beeinflussten auch maßgeblich den Kriegsverlauf im Ersten Weltkrieg. Es kamen auch Alders Giftgase im Krieg zum Einsatz. Neben chemischen Produkten, Schießbaumwolle und Zündkapseln wurden im Alder-Werk aber auch Jagdpatronen erzeugt.-

Chemische Producten- und Zündkapsel-Fabrik Victor Alder

Von 1906 bis 1908 wurde im damaligen Ungarn, in Lajta Ujfalu (heutiges Neufeld/Leitha), ein Zündkapselzweigwerk errichtet. Der Bau war in der Backstein-Industriearchitektur ausgeführt. Die Industrieanlagen erstreckten sich von der heutigen Viktor-Alder-Gasse über die Franz Schön-Gasse bis zur Eisenstädter Straße. 1909 wurde der Betrieb aufgenommen. Bis zum Kriegsausbruch 1914 arbeiteten in der Neufelder Fabrik etwa 30 bis 40 Beschäftigte. Bei Kriegsende 1918 waren es ca. 10x mehr. Beschäftigt waren hauptsächlich Frauen. Von hier aus wurden hauptsächlich Munitionsbetriebe im nahegelegenen Steinfeld beliefert. Damit hatte Viktor Alder mit den ungarischen Behörden Probleme, weil die Ungarn eine nationale Industrie errichten wollten. Alder lieferte seine Produkte aber nach Österreich, also ins Ausland. Nach Ende des Ersten Weltkrieges musste die Produktion mangels Absatzes eingestellt werden. Heute steht von dem ganzen Komplex nur mehr ein einziges Gebäude an der Ecke Viktor-Alder-Gasse / Steinbrunner Straße.  

 

1912 zog sich Maria Alder aus dem Unternehmen zurück. Es wurde in eine Offene Handelsgesellschaft umgewandelt und Marias Söhne Viktor und Rudolf wurden die neuen Gesellschafter.

 

Natürlich musste in einem Produktionsbetrieb dieser Art auch sichergestellt werden, dass keine Chemikalien entwendet wurden. Daher wurden die Arbeiter vom Portier auch kontrolliert. 1918 kam es zu einer Anzeige wegen Diebstahls gegen eine Hilfsarbeiterin des Betriebes in Oberlaa. Sie hatte allerdings keine gefährlichen Stoffe gestohlen, sondern 3 Jute- bzw. Leinwandsäcke des k.u.k. Kriegsministeriums im Wert von 80 Kronen. Vom Bezirksgericht Schwechat wurde die Diebin zu 3 Tagen Arrest verurteilt. Das Diebesgut wurde dem Ministerium ausgehändigt. An diesem Beispiel lässt sich aber auch die soziale Not der Arbeiterschicht dieser Zeit erahnen.  

Die Fabrik benötigte für ihre Produktion natürlich auch zahlreiche Rohstoffe. Eine Pflanze, die in der Fabrik auch verarbeitet wurde, war die Brennessel. Angekauft wurde der Bedarf von Privatpersonen. Dazu inserierte Viktor Alder in div. Zeitungen und motivierte die Menschen z.B. während ihres Urlaubes die Zeit in der Natur zu nutzen und Brennesseln zu ernten. Je nach Qualität der Ware zahlte Alder einen Preis von 18 bis 20 Kronen für ein Kilogramm. Das brachte für so manchen Haushalt ein willkommenes Nebeneinkommen. 

Victor Alder (1877-1948)

1917 wurde Viktor Alder für besondere Verdienste auf dem Gebiet des Munitionswesens als Ritter des Franz-Joseph-Ordens in den erblichen Adelsstand erhoben. Diese neuerworbene Ehre währte aber nicht lange. Mit dem Adelsaufhebungsgesetz vom April 1919 musste er den Titel „von“ wieder ablegen. 

 

1918 stellte das Unternehmen mehrere hundert Mitarbeiter in Oberlaa ein. 

  

1922 wurde das Pachtverhältnis mit Rudolf Alder für die Zweigniederlassung Schönbrunnerstraße gelöst. In weiterer Folge schied Rudolf Alder aus dem Unternehmen aus und Viktor Alder führte es von da an als alleiniger Inhaber. 

 

Viktor Alder war ein treuer Anhänger des Hauses Habsburg. Während der Auflösung der Donaumonarchie kaufte Viktor Alder die verstreuten Munitionsindustrien des alten Reiches auf. Alder rechnete mit der Rückkehr der Habsburger und wollte entsprechend gerüstet sein. Der Versuch die Wöllersdorfer Werke zu übernehmen, wuchs sich zu einem riesigen Skandal aus. 

 

Viktor Alder war ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Aus politischer Überzeugung produzierte er daher im 2. Weltkrieg keine Munition. Bis 1924 hatte er alle Maschinen aus Neufeld/Leitha nach Oberlaa bringen lassen. Auch seine restlichen Rüstungsmaschinen behielt er und lagerte sie in Oberlaa ein. Auf dem Fabriksareal in Oberlaa war bis 1945 lediglich der Luftgau–Sanitätspark der deutschen Wehrmacht untergebracht.

 

Die Fabrik produzierte dann nur mehr chemische Stoffe aller Art, aber keine Munition. 1945 übernahm Viktor Alders Schwiegersohn, Dr. Fritz Dombacher, den Betrieb.   

Obwohl das Arbeiten in der chemischen Fabrik weitaus sicherer geworden war als noch vor 100 Jahren, kam es immer wieder zu Zwischenfällen. So auch im April 1949 als im Umfüllen von Äther größere Mengen von Kollidium, Alkohol und Äther in Brand gerieten. Das Feuer konnte zwar innerhalb einer Stunde gelöscht werden, der Schaden in der Oberlaaer Fabrik betrug ersten Schätzungen zufolge aber über 50.000 Schilling.  

 

1982 erfolgte schließlich die Löschung der Firma. 1988 kaufte die Gemeinde Wien das 76.000 m² große ehemalige Fabriksgelände in der Oberlaaer Straße 242. Doch die chemischen Stoffe, mit denen in der Fabrik hantiert worden war, hatten Spuren hinterlassen. Das Erdreich und das Abbruchmaterial der ehemaligen Chemiefabrik waren mit teils gefährlich hohen Cyanidanteilen und Quecksilber belastet. Erst 1990 wurde das kontaminierte Gelände der ehemaligen Alder-Gründe von der Fa. „PORR Umwelttechnik GmbH“ entsprechend gereinigt.   

 

Gerichtsfälle

1924 schloss sich Viktor Alder Jun. mit Geheimrat Pochwardt aus Berlin und Leon Sklarz aus Deutschland zusammen. Diese „Bietergemeinschaft“ legte neben anderen Interessenten ein Angebot für die „Wöllersdorfer Werk AG“ bei Wr. Neustadt. Sie bekamen auch den Zuschlag, allerdings mündete dieser Kauf zu einem handfesten Skandal. Dabei ging es um Betrug und Unregelmäßigkeiten. Zuerst stand Leon Sklarz im Zentrum der Anklage. Er wurde u.a. von Viktor Alder beschuldigt, versucht zu haben das Unternehmen zu seinen Gunsten auszuschlachten. Dabei soll er seine Partner auch betrogen haben. Beim entsprechenden Gerichtsprozess waren neben Sklarz noch weitere 3 Männer angeklagt. Viktor Alder verkaufte seine Anteile dann wieder. Doch 1925 geriet auch er in Verdacht, an den betrügerischen Aktivitäten beteiligt gewesen zu sein. Sein Schwiegersohn, Dr. Fritz Dombacher, der im Vorstand des Verwaltungsrates der Wöllersdorfer Werke saß, soll die anderen Interessenten zugunsten seines Schwiegervaters benachteiligt haben. Dr. Fritz Dombacher wurde aus dem Amt entlassen. Dieser klagte daraufhin seinerseits auf Entschädigung. Das Strafverfahren rund um den „Wöllersdorfer Skandal“ dauerte an, wurde jedoch Mitte 1927 von der zuständigen Staatsanwaltschaft überraschenderweise eingestellt. 

 

Zu dieser Zeit erregte auch noch ein anderer Fall das Interesse des Volkes. Mary Ullmann hatte als junge Schauspielerin den Geschäftsführer der Benz-Niederlassung, Hrn. Max Laufer, geheiratet. Doch schon bald entspann sich zwischen der Unternehmersgattin und Erzherzog Friedrich eine Liebschaft. Die Beziehung zum Mitglied des Kaiserhauses dauerte schon 8 Jahre, als Marys Scheidung erfolgte. Mary nahm dann ihren Mädchennamen „Ullmann“ wieder an. Der Erzherzog war sehr großzügig und schenkte seiner Mary u.a. eine jagdschlossähnliche Villa in Baden/Wien. Später übersiedelte sie in eine Luxuswohnung in einem neu erbauten Herrschaftshaus in Wien und ließ sie überaus mondän ausstatten. Mary hielt dort auch laufend Gesellschaftsabende ab. Das Geld floss in Strömen. Doch dann kam es zum Bruch mit dem Erzherzog. Gerüchten zufolge soll Mary ihn mit seinem Sekretär betrogen haben. Mary geriet dann zunehmend in finanzielle Nöte. Sie wandte sich an Karl Buchhacker mit der Bitte um Vermittlung eines Kredites. Dieser fädelte dann ein Geschäft ein, dass später die Gerichte beschäftigen sollte. Buchhacker holte den finanzkräftigen Viktor Alder und einen Schwiegersohn Dr. Fritz Dombacher ins Boot. Es wurde ein Vertrag aufgesetzt, indem die wertvolle Einrichtung von Fr. Ullmann aus freier Hand auktioniert werden sollte (d.h. privat verkauft). Sie erhielt einen Vorschuss auf den Kaufpreis, behielt aber ein Rückkaufsrecht auf ihre Möbel, Bilder und das Inventar. Als Käufer schien Dr. Fritz Dombacher auf. Er sollte den Kaufpreis und 20 % der Einrichtung bekommen. Doch Fr. Ullmann konnte nicht zahlen. Dombacher und Alder forderten daher die Herausgabe der Einrichtungsgegenstände. Doch Fr. Ullmann weigerte sich. Daraufhin erschien Viktor Alder im November 1926 mit einem Exekutivbeamten in der Wohnung und ließ die ersten Wertgegenstände wegbringen. Danach wurde die Wohnung versperrt und Hrn. Alder die Schlüssel übergeben. Fr. Ullmann bewohnte nur mehr ein kleines ehemaliges Dienstbotenzimmer. Als der Beamte neuerlich in die Wohnung kam um die Pfändung fortzusetzen, schickte Fr. Ullmann ihre Haushälterin mit ihren drei Hunden zum Gassigehen. In der Zwischenzeit sperrte sie sich in ihr Zimmer ein und nahm Veronal, mit der Absicht ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch die Bedienstete schöpfte bei ihrer Rückkehr Verdacht und ließ die Tür aufbrechen. Die Lebensüberdrüssige konnte gerettet werden. Als sie Anfang Dezember geheilt aus dem Spital entlassen wurde, griff sie wenige Tage später wiederholt zu Veronal, wodurch die Exekution neuerlich ausgesetzt wurde. Fr. Ullmann überlebte auch den 2. Suizidversuch. Dr. Fritz Dombacher brachte bei der Wirtschaftspolizei eine Anzeige gegen die Schuldnerin ein. Diese wiederum antwortete mit einer Gegenanzeige wegen Wucher. Ein Schätzer stellte fest, dass die bereits von Alder konfiszierten Teppiche alleine weit mehr wert waren als der gesamte Streitwert. Dr. Dombacher versuchte dann noch mit einer Zivilklage die Herausgabe der Einrichtung zu erzwingen. Wie die Sache schlussendlich ausging, konnte ich leider nicht herausfinden.

 

Familiäres

Viktor Alder (1877-1948)

Am 17. Mai 1900 heiratete der 23jährige Viktor die 21jährige Hermine Dolainski (1878-1965). Hermine war noch minderjährig, daher bedurfte es der schriftlichen Zustimmung ihres Vaters. Zum damaligen Zeitpunkt erreichte man in Österreich erst mit 24 Jahren die Volljährigkeit. Ab dem 20. Lebensjahr konnte man durch das Vormundschaftsgericht und einen Vormund für volljährig erklärt werden. Dies erfolgte aller Wahrscheinlichkeit nach für Viktor, damit er das Geschäft seines Vaters weiterführen konnte. Männer wurden außerdem bei einer Eheschließung automatisch volljährig. Frauen allerdings nicht. Für sie übernahm der Ehemann bis zur Erreichung der Volljährigkeit die Vormundschaft. Falls der Ehemann während dieser Zeitspanne starb, wurde die Witwe automatisch für volljährig erklärt. Erst 1919 wurde die Volljährigkeit auf 21 Jahre herabgesetzt. 1973 galt man mit 19 Jahren als volljährig und 2001 erfolgte schließlich die letzte Anpassung. Seither gilt man bereits mit 18 Jahren als volljährig. 

Hermine Alder geb. Dolainski

Hermine Dolainski war die Schwester von Johanna Dolainski, die 5 Jahre später Ernst Alder, den Bruder von Viktor Jun., heiratete. Ihre Eltern waren Alexander Dolainski (1848-1922) und Josefine Rad (1850-1906). 

 

Die Familienbeziehungen in der Familie Dolainsky sind sehr interessant. Der Großvater väterlicherseits der Bräute, Ferdinand Dolainsky (1804-1885) gründete 1829 in Floridsdorf das Unternehmen „Ferdinand Dolainski & Co.“ Er stellte Maschinen- und Metallwaren, Kupfer- und Dampfkessel her. Damit spielte er bald in der Spirituosen- und Zuckerfabrikation eine große Rolle. Später übersiedelte das Unternehmen ganz in die Nähe des Alder Werkes, in die Simmeringer Straße im 10. Bezirk. Ferdinand Dolainski war in zweiter Ehe mit Gertrude Rad, einer Tochter des Würfelzuckererzeugers Jacob Christoph Rad, verheiratet. Sein Sohn aus erster Ehe, Alexander Dolainski, heiratete die jüngere Schwester seiner Stiefmutter. Damit waren Vater und Sohn gleichzeitig auch Schwager. Der Großvater von Hermine und Johanna Dolainski war damit gleichzeitig ihr Onkel. 

 

Viktor Jun. und Hermine hatten 4 Kinder:

  • Emilie (Lilly) (*1901) 1. ⚭ Dr. Fritz Dombacher (1892-1964)
                                               2. ⚭ Camillo Paris (1889 – 1980)
  • Viktor (1902-1972) ⚭ Hermine Sailer (1919-1995)
  • Hertha (1903-1904)
  • Hertha (*1905) ⚭ Dr. Fritz Dombacher (1892-1964)
Parte Hertha Alder (1903-1904)

1904 erkrankte die kleine Hertha an Lungenentzündung. Sie starb in Folge davon am 7. Mai 1904. Das Mädchen war nur knapp 10 Monate alt geworden. Sie wurde in der Familiengruft der Alders am Zentralfriedhof (Gruppe 47C/G2) beigesetzt.

 

Im Jahr darauf schenkte Hermine Alder am 25. März 1905 wieder einem Mädchen das Leben. Wie das damals üblich war, erhielt es den Namen seiner verstorbenen Schwester.  

 

Im Feber 1909 wurde in der Familie wieder der Tod eines Kindes beklagt. Diesmal war es die 11 Monate alte Tochter von Viktors Bruder Ernst. Die kleine Hilde wurde ebenfalls in der Familiengruft Viktor Alders am Zentralfriedhof bestattet. 

Viktor Alder (1877-1948)

Viktor Alder Jun. und seine Familie brachte es mit seiner Munitionsfabrik innerhalb kurzer Zeit zu einem enormen Vermögen. Er galt als Millionär und war einer der 1.000 reichsten Wiener seiner Zeit. 

 

Er erhielt auch zahlreiche Auszeichnungen. 1911 wurde ihm als Armeelieferant das „Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens“ verliehen. 1916 zeichnete ihn der Kaiser für seine Verdienste um das deutsche Flugwesen mit dem „Eisernen Kreuz am schwarz-weißen Bande“ aus. Für die Entwicklung der „Alder-B-Patrone“ und Verdienste um das Munitionswesen erhob man ihn 1917 schließlich in den erblichen Adelsstand. In Neufeld/Leitha wurde später eine Straße nach ihm benannt. Der Überlieferung nach, soll er sich dort sozial sehr engagiert haben. 

 

Am 7. Oktober 1918 starb Viktors Bruder Ernst Alder an Grippe. Er war mit Johanna Dolainski, der Schwester von Viktors Frau, verheiratet gewesen. Die beiden hatten das Gut Reichersberg geführt. Ernst fand seine letzte Ruhestätte in der Familiengruft am Ortsfriedhof von Ollern.  

Maria Alder geb. Kopitsch

Viktors Mutter, Maria Alder, war nach dem Tod ihres Mannes über viele Jahre die Chefin des Familienbetriebes. 1912 zog sie sich aus dem Unternehmen zurück. Lange Zeit litt sie dann an „Nebennierenentartung“. Schließlich erlag sie am 28. Feber 1921 im Alter von 66 Jahren ihrem Leiden. Sie wurde in der Familiengruft am Zentralfriedhof (Gruppe 47C/G2) zur letzten Ruhe gebettet. 

 

Auch in der Familie Viktor Alders kam es zu einer bemerkenswerten Familienkonstellation. Dr. Fritz Dombacher (1892-1962) wurde gleich zweimal der Schwiegersohn Viktor Alders. Zuerst heiratete er Emilie (Lilly) Alder, die älteste Tochter von Viktor Alder. Aus der Ehe ging auch eine Tochter hervor. Doch die Ehe scheiterte und wurde geschieden. Dr. Fritz Dombacher ehelichte dann Hertha Alder, Lillys Schwester. Auch aus dieser Beziehung entsprang eine Tochter. Die beiden Halbschwestern waren damit gleichzeitig auch Cousinen. Dr. Fritz Dombacher war während des 1. WK Oberleutnant im Ulanenregiment Nr. 4 und wurde mit verschiedenen Auszeichnungen dekoriert. Später war er im Geschäftsumfeld seines Schwiegervaters tätig, bis er schließlich die Nachfolge von Viktor Alder in dessen Unternehmen antrat. 

 

1928 berichteten die Zeitungen von einem Studenten namens Wilhelm Alder, der in den Hörsälen der Wiener Universität mehrere Taschendiebstähle begangen hatte. Man hatte ihn schon 1926 solcher Taten überführt und zu einer kurzen Arreststrafe verurteilt. In den Gazetten brachte man den Studenten mit Viktor Alder Jun.  in Verbindung und veröffentlichte, dass es sich um seinen Sohn handeln würde. Daraufhin sah sich Viktor Alder gezwungen in den Medien eine Entgegnung zu schalten und klarzustellen, dass es sich bei dem Täter nicht um seinen Sohn handle.  

 

1929 starb Viktors Halbschwester in Tschechien. Helene Hrdlicka wurde nur 58 Jahre alt. 

Viktor Alder (1877-1948)

1937 verbrachte Viktor Alder einen längeren Kuraufenthalt in Badgastein. Nach einem langen Leiden starb er am 15. April 1948 im Alter von 71 Jahren. Er wurde, seinem Wunsch entsprechend, in aller Stille in der Familiengruft am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.

 

Die Gruft der Familie Alder befindet sich in der Gruppe 47C/G2. Bis vor kurzem war sie noch von beiden Seiten mit einer Hecke flankiert. Diese wurde gerodet und so steht das Grab nun komplett frei. Es zeigt eine junge Frau, zu deren Füßen 2 Kinder stehen. Eines hält ein Bildnis in der Hand. Es stellt vermutlich Viktor Maria Alder Sen. dar.

 


Bildquellen:

  • Werbung: Drogisten Zeitung v. 8. April 1899, Seite 9: Anno ONB
  • Werbung: Oesterr. Soldatenfreund v. 1. Juli 1901, Seite 7: Anno ONB
  • Werbung: Zeitschrift f. Nahrungsmittel-Untersuchung u. Hygiene v. 1903, Heft 1 S. 24: Anno ONB
  • Werbung: Photographische Correspondenz v. 1904, S. 850: Anno ONB
  • Werbung: Drogisten Zeitung v. 13. Mai 1904, Seite 16: Anno ONB
  • Werbung: Wiener Hausfrauen-Zeitung v. 1905; Hauptteil S. 687: Anno ONB
  • Werbung: Drogisten Zeitung v. 21. Dezember 1905, Seite 16: Anno ONB
  • Werbung: Österreichische Photographen-Zeitung v. 1906, Jänner S. 31: Anno ONB
  • Werbung: Drogisten Zeitung v. 26. April 1907, Seite 16: Anno ONB
  • Werbung: Illustrierte Kronen Zeitung v. 11. Juni 1908, Seite 15: Anno ONB
  • Werbung: Drogisten Zeitung v. 26. Februar 1909, Seite 2: Anno ONB
  • Werbung: Drogisten Zeitung v. 27. Mai 1910, Seite 1: Anno ONB
  • Werbung: Zeitschrift f. Nahrungsmittel-Untersuchung u. Hygiene v. 1910, Heft 1 S. 17: Anno ONB
  • Werbung: Drogisten Zeitung v. 14. November 1913, Seite 2: Anno ONB
  • Werbung: Neues Wiener Tagblatt v. 17. November 1916, Seite 25: Anno ONB
  • Werbung: Handbuch der Stadt Wien 1935: Wienbibliothek digital
  • Werbung: Handbuch der Stadt Wien 1941: Wienbibliothek digital 
  • Viktor Alder: Gedenkbuch: Wienbibliothek digital
  • Briefkopf 1918: Wienbibliothek digital
  • alle Fotos v. der Familiengruft: © Karin Kiradi
  • alle anderen Bilder aus der Sammlung der Fam. Alder

 

Quellen:

 

Herzlichen Dank an einige Nachkommen der Familie Alder für ihre Unterstützung und Bereitstellung von Fotos.

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Kommentare: 5
  • #1

    Andrea Hendler (Montag, 29 Januar 2024 07:56)

    Immer berührend zu lesen - so viele Schicksale liegen gemeinsam in den Gräbern. Danke für Ihre Mühen, Frau Kiradi

  • #2

    Ingrid (Montag, 29 Januar 2024 08:31)

    Wieder eine super interessante Biografie vielen Dank Dafür!

  • #3

    Walter Schreinmoser (Montag, 29 Januar 2024 10:37)

    Danke für die gute Nachforschung und interessante Darstellung von Lebenswegen, immer auch verbunden mit einem Zeitfenster in das Vergangene. Alles Gute für weitere Recherchen, Frau Kiradi.

  • #4

    Panajiota Kaiser, geb. Alder (Montag, 12 Februar 2024 14:08)

    Eine wunderschöne Biographie und Zusammenfassung meiner Ahnen! Sehr wertschätzend geschrieben.

    Vielen lieben Dank!

  • #5

    Dr. Ferdinand Edlinger (Donnerstag, 25 April 2024 15:18)

    Vielen Dank, auf dem Gelände der Firma wurde ja auch die "Arbeitersaga" und zB "Müllers Büro" gedreht.
    GlG