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Dr. Karl Eugen Neumann (1865-1915)

Die Herkunftsfamilie

Lukas Neumann (1800-1863) und Theresia Kornfeld (1809-1870) heirateten am 15. April 1831 in Stampfen (Stupava = damals Ungarn, heutige Slowakei). Aus dieser jüdischen Verbindung gingen 8 Kinder hervor:

  • Kati (1833-1903) ⚭ Lazar Deutsch (✡1892)
  • Johanna (1834-1909) ⚭ Adolf Abraham Schorsch (✡1874)
  • Moritz Emanuel (1836-1906) 1. ⚭ Serafine Therese Reinl (* 1856)
                                                               2. ⚭ Therese Spiegel (1837-1884)
  • Josef (1838-1910) 1. ⚭ Paula Aurelia Mikulics bzw. Mihalovic (✡1925)             
                                          2. ⚭ Johanna Töröl de Szendrö geb. Buska (1847-1922)
  • Szilli (1840-1840)
  • Netty (*1842) ⚭ Ignaz Isak Löb Neumann (1842-1905)
  • Simon (1844-1844)
  • Max (1847-1891) ⚭ Katharina (1845-1919) 

Die Kinder wurden alle noch in Stampfen geboren. Ca. 1856 übersiedelte die Familie dann nach Wien. Gewohnt haben die Neumanns in Wien-Landstraße, Heßgasse 22.  

Leichenschaueintrag Luca Neumann gest. 27.5.1863

Lukas starb am 27. Mail 1863 im Alter von 63 Jahren an "Entartung der Unterleibs-organe". Seine Frau Theresia folgte ihm 61-jährig am 8. Oktober 1870 nach einer Lungenentzündung. Beide wurden am israelitischen Friedhof Währing in der Gruppe 13, in den Gräbern 43 bzw. 44 beerdigt. 

 

 

 

Anmerkung: Die violett gekennzeichneten Mitglieder der Familie fanden am jüdischen Teil des ZF, Tor 1 Gruppe 6/29/52 ihre letzte Ruhestätte.

Der Vater: Angelo Josef Neumann (1838-1910) 

Angelo Josef Neumann

Josef Neumann erblickte am 18. August 1838 in Stampfen das Licht der Welt. Als er ca. 18 Jahre alt war, übersiedelte die Familie nach Wien. Schon früh interessierte er sich für Gesang und wollte Opernsänger werden. Seine Eltern hätten ihn lieber als Arzt gesehen, aber er setzte seinen Berufswunsch durch und machte eine musikalische Ausbildung. Den Zusatznamen „Angelo“ legte er sich vermutlich zu, um seinen Allerweltsnamen „Josef Neumann“ interessanter zu machen. 1859 startete er seine Bühnenkarriere als Bariton in Krakau. Weitere Engagements führten ihn u.a. nach Berlin, Köln, Ödenburg, Preßburg und Danzig. Von 1862-1876 wirkte er als Sänger an der Wiener Hofoper. Während dieser Zeit machte er auch Bekanntschaft mit Richard Wagner und dessen Werk. 

Der damalige Operndirektor Franz von Dingelstedt machte den Schauspieler und Regisseur Dr. August Förster auf Neumann aufmerksam und prophezeite, dass Neumann eine große Karriere als Theaterdirektor machen werde. Nachdem Dr. Förster 1876 Direktor des Leipziger Stadttheaters wurde, holte er Angelo Josef Neumann für die Leitung des Opernhauses nach Leipzig. Neumann begann seine Ära mit einer Inszenierung des „Lohengrin“. Es folgten weitere Wagneropern, sowie Verdis Aida und Bizets Carmen. 

Angelo Josef Neumann

1876 wurde bei den Bayreuther Festspielen erstmals „der Ring des Nibelungen“ als Ganzes aufgeführt. Unter den Zuschauern befanden sich alle wichtigen Operndirektoren Europas. Auch Dr. Förster sah sich das Spektakel an und berichtete Neumann, dass er gar nicht erst nach Bayreuth zu fahren brauche, da das Stück nicht spielbar sei. Man könne höchstens die „Walküre“ aufführen. Neumann war tief enttäuscht und hätte diese Kritik fast schon akzeptiert. Am Abend traf er sich aber mit einem Freund aus Wien zum Essen. Dieser kam gerade aus Bayreuth und berichtete ihm voller Begeisterung. Er machte ihm auch klar, dass es seine Verantwortung als Operndirektor sei, sich selbst ein Bild zu machen. Noch in derselben Nacht fuhr Neumann mit dem Zug zu den Festspielen. Als er heimkehrte, war er von dem „Ring des Nibelungen“ regelrecht besessen und hatte bereits in Bayreuth Richard Wagner wegen der Aufführungsrechte kontaktiert. Dieser lehnte aber zunächst ab. Erst als das finanzielle Ergebnis des Festes mit ca. 150.000 Gulden Verlust vorlag und dies auf Jahre hinaus Aufführungen in Bayreuth verhinderte, erteilte Wagner die Zustimmung zur Aufführung in Leipzig. Angelo Josef Neumann inszenierte dann 1878 das Stück in 2 Tranchen. Franz Liszt schrieb nach dieser Aufführung in einem Brief an Richard Wagner: „Neumann hat seine Sache teilweise sogar besser gemacht als du in Bayreuth.“ 

Angelo Josef Neumann

1881 organisierte Neumann weitere Aufführungen der Nibelungen-Trilogie am Berliner Viktoria-Theater. Angelo Josef Neumann verließ die Oper in Leipzig und gründete „das wandernde Richard-Wagner-Theater“. Er erwarb die Original-Bühnenbilder und Kostüme der Bayreuther Uraufführung und unternahm mit seinem reisenden Ensemble eine Art Europatournee. Dies war nicht nur künstlerisch, sondern auch organisatorisch eine Meisterleistung. Neumann zog mit ca. 130 Personen, samt Bühnenbildern, Dekorationen, Technik etc. in Sonderzügen mit 12 Waggons von einer Aufführungsstätte zur nächsten. Mit seinen Aufführungen löste Neumann ein richtiges Wagner-Fieber aus. Jeder Opernfreund wollte unbedingt eine der Vorstellungen sehen. Damit verhalf Neumann Richard Wagner zu großer Popularität und auch zu einem beachtlichen Einkommen. 

 

1882 führte das fahrende Ensemble in London die Wagner-Oper das erste Mal in englischer Sprache auf. Zwischen September 1882 und Juni 1883 gab Neumann in ganz Europa 135 Vorstellungen des „Ring des Nibelungen“ und über 50 Wagner-Konzerte. Nachdem ein Mitglied des Ensembles, die junge Künstlerin Hedwig Reicher-Kindermann, in Triest plötzlich starb, verwarf Neumann seine Pläne für eine weitere Tournee. Er folgte stattdessen einem Ruf nach Bremen, wo er die Direktion des Stadttheaters übernahm. Knapp 2 Jahre später holte man ihn 1885 nach Prag. Dort blieb er bis zu seinem Tod 1910 Direktor des Deutschen Landestheaters. Ihm zu Ehren wurde später in der heutigen Prager Staatsoper ein Saal nach ihm benannt.

 

1889 organisierte er eine letzte Wagnertournee nach St.Petersburg und Moskau. Angelo Josef Neumann bemühte sich auch immer um die Förderung junger Talente, wie z.B. von Anton Seidl, Arthur Nikisch, Gustav Mahler oder Otto Klemperer. 1894 motivierte Angelo Josef Neumann Emil Nikolaus von Reznicek zu seiner Oper „Donna Diana“ eine Ouvertüre zu schreiben, die dann sehr berühmt wurde. 

Angelo Josef Neumann war in 1. Ehe mit Paula Aurelia von Mikulics (bzw. Mihalovic), der Tochter eines ungarischen Adeligen,  verheiratet. 1860 konvertierte Angelo Josef Neumann zum Christentum. Sein erster Sohn - Arthur Hugo - wurde am 13.11.1861 geboren, starb aber noch im selben Jahr. Der zweite Sohn - Karl Eugen - erblickte am 18.10.1865 in Wien das Licht der Welt. 1876 wechselte Angelo Josef zur evangelischen Kirche. Nachdem die Ehe mit seiner ersten Frau geschieden war, heiratete er am 6. November 1887 in zweiter Ehe die Schauspielerin Johanna Török de Szendrö (1847-1922). 

Johanna Buska

Johanna war die Witwe des ungarischen Adeligen Miklós Kázmér Törok de Szendrö (1812-1884). Geboren wurde sie am 14 April 1847 als Johanna Buska in Königsberg (Bayern). Nach Engagements am Burgtheater, hatte sie eine Affäre mit dem Kronprinzen Rudolf. Überlieferungen zu Folge soll sie den 16jährigen Rudolf in die Geheimnisse der Liebe eingeführt haben. Als die Affäre allerdings andauerte und Johanna schwanger wurde, befahl Kaiser Franz Joseph dem wesentlich älteren ungarischen Adeligen Miklós Kázmér Török de Szendrö, die junge Schauspielerin zu heiraten. Durch diese Ehe, die am 20. Mai 1880 in der Wiener Votivkirche geschlossen wurde, versuchte der Kaiser die Liaison mit seinem Sohn zu beenden. Das in der Ehe mit Graf Török geborene Kind, Alexander Török de Szendrö (1881-1939), war Berichten zufolge ein „Kuckuckskind“. Kronprinz Rudolf soll der leibliche Vater gewesen sein und sah ihm später angeblich auch sehr ähnlich.

Johanna Buska

Die befohlene Heirat von Johanna war die Vorlage für Theodor Fontanes Roman „Graf Petöfy“. Nach dem Tod ihres ersten Gatten kehrte Johanna wieder zurück auf die Bühne und spielte unter anderem 1888 in Prag „Ibsens Nora“. Ungewöhnlich war, dass Johanna nach ihrer Wiederverheiratung mit Angelo Josef Neumann die Witwenpension nach ihrem ersten Gatten weiterhin erhielt und den Titel „Gräfin“ behalten durfte. Darauf legte sie auch größten Wert. Allerdings verursachte sie später im Theater und im Leben von Angelo Josef Neumann einiges an Unruhe. Die „Frau Direktor“ bestand nämlich darauf, immer in Mädchenrollen besetzt zu werden, wo sie besonders gerne ihre Haare in Szene setzte. Dies auch noch, als sie bereits in die Jahre gekommen war und dies nicht mehr zu ihr passte.

Johanna Buska

Ein Kritiker erlaubte sich anlässlich des 150 Jahr-Jubiläums des Stückes „Minna von Barnhelm“ folgende spitze Aussage: „Frau Buska spielt die Titelrolle ja bereits seit der Uraufführung.“

 

Eine andere Anekdote erzählt davon, dass Roda Rodas Stück „Dana Peetrowitsch“ im Prager Theater uraufgeführt wurde. Johanna Buska spielte trotz ihrer 60 Jahre die jugendliche Hauptrolle. Am nächsten Morgen wollte Roda Roda sich persönlich bei ihr bedanken. Doch der Türhüter des Theaters verwehrte ihm den Eintritt. Es sei gerade Probe und daher dürfe niemand hinein. „Aber ich, der Autor, doch wohl schon!?“ Da riss der Mann verlegen die Tür auf und rief: „Ah, habe die Ehre Herr von Schökspier!“ Es wurde nämlich gerade „Romeo und Julia“ geprobt. 

Aus der Ehe zwischen Angelo Josef Neumann und Johanna Buska ging  Tochter Isolde hervor. Sie erblickte am 16.8.1887 in Wien das Licht der Welt. Später wurde sie Schauspielerin. Sie starb am 22.11.1950 in Bern als Isolde Milde

Angela (Mimi) Gottlieb geb. Neumann

Die zweite Tochter aus der Verbindung zwischen Angelo Josef Neumann und Johanna Buska kam am 18.12.1888 zur Welt. Das Mädchen erhielt den Namen Angela (Mimi).  Später heiratete sie den Mediziner Dr. Arnold Gottlieb (1879-1939). Die beiden betrieben in Prag gemeinsam das "Sanatorium Gottlieb“. Dort starb Arnold auch  1939. Während seine Brüder und eine Schwester nach London bzw. in die USA emigrierten konnten, kamen zwei seiner Schwestern im Holocaust ums Leben.  Angela emigrierte ebenfalls. Sie starb schließlich 1969 in Malmö.  

Angelo Josef Neumann war gesundheitlich immer angeschlagen, musste sich etlichen Operationen unterziehen und starb am 20. Dezember 1910 in Prag im Alter von 72 Jahren. Das Leichenbegängnis fand am 22. Dezember statt. Nach einer imposanten Trauerfeier im Vestibül des Deutschen Theaters, an der viele Persönlichkeiten aus Nah und Fern teilnahmen, wurde der Leichnam Neumanns auf dem deutsch-evangelischen Friedhof in Prag beerdigt. Nur sein Sohn Karl Eugen musste aufgrund einer ernsthaften Erkrankung der Zeremonie fernbleiben. 

 

Bis zuletzt war Neumann ein großer Verehrer von Wagner und seiner Musik. Die beiden blieben zeitlebens verbunden, wenn es auch oft Ärger und Missverständnisse während ihrer zähen Verhandlungen um Aufführungsrechte und das liebe Geld gab. Allerdings war Wagner, so wie später noch viel mehr seine Witwe Cosima, ausgesprochene Judenfeinde.  Und so wurde Neumann, dem Richard Wagner sehr viel zu verdanken hatte, spätestens im Nationalsozialismus totgeschwiegen. Erst anlässlich seines 100. Todestages erinnerte man sich wieder an ihn, suchte sein Grab und renovierte es. Heinz Irrgeher hat ein empfehlenswertes Buch über ihn geschrieben: "Josef Angelo Neumann - Wagners vergessener Prophet".

Johanna Buska starb am 16. Mai 1922 in Dresden. Begraben wurde sie auf dem Evangelischen Friedhof im Prager Stadtteil Strašnice im Grab ihrer Mutter.

 

Dr. Karl Eugen Neumann (1865-1915)

Dr. Karl Eugen Neumann

Karl Eugen Neumann wurde am 18. Oktober 1865 in Wien geboren, als sein Vater Angelo Josef Neumann Tenor an der Wiener Hofoper war.  Als Karl Eugens Vater 1876 Direktor der Leipziger Oper wurde, übersiedelte die Familie nach Leipzig, wo Karl Eugen auch seine höhere Schuldbildung erhielt. Nach der Matura reiste er nach England und Italien. 1882 begann er eine Banklehre in Berlin. Allerdings interessierten ihn die Schriften Arthur Schopenhauers weit mehr als sein Beruf. Er vertiefte sich nächtelang in philosophische Schriften und zeigte großes Interesse für die indischen Quellen, die Schopenhauer inspiriert hatten. Schließlich brach er seine Bankkarriere ab und begann ein Studium am Obergymnasium in Prag. 1887 inskribierte er Indologie, Religionswissenschaft und Philosophie an der Universität Berlin. Allerdings entsprach das Studium nicht seinen Vorstellungen und er brach auch dieses wieder ab.

 

1884 konvertierte Karl Eugen Neumann zum Buddhismus. Damit war er vermutlich der erste Österreicher, der sich zur buddhistischen Lehre bekannte. 

Camilla Nordmann (Neumann)

Im Sommer 1889 heiratete Neumann Camilla Nordmann (*1851). Sie war die Tochter des Schriftstellers Johann Nordmann (1820-1887) aus Wien. Kurz nach der Hochzeit übersiedelte das junge Paar nach Leipzig. Dort studierte Eugen Karl Indologie bei Richard Pischel und promovierte 1891 mit einer Arbeit über einen Pali-Text. Noch im selben Jahr veröffentlichte er sein Werk: „Zwei buddhistische Sutras und ein Traktat Meister Eckharts“.  

 

1892 kehrten sie wieder nach Wien zurück. Sie wohnten im 18. Bezirk, in der Schulgasse 79. 

 

Anlässlich des 104. Geburtstages von Schopenhauer veröffentlichte Karl Eugen Neumann eine deutschsprachige Sammlung der Lehrreden des Buddha Siddhartha Gautama.  1893 brachte er eine Übersetzung des Dhammapada heraus. Dabei handelt es sich um Aussprüche des Siddhartha Gautama, die den Kern der Lehre des Buddha wiedergeben. 1894 erfüllte sich Neumann seinen größten Wunsch und reiste in das Ursprungsland des Buddhismus. Er hielt sich einige Monate in Indien und Ceylon auf. Nach seiner Heimkehr widmete er sich wieder dem Studium und der Übersetzung des Tipitaka. Tipitaka (“Dreikorb”) bezeichnet die drei großen Sammlungen, aus denen sich der sog. Palikanon zusammensetzt. Der Palikanon ist die älteste Sammlung von Buddhas Lehrreden, den Ordensregeln und den späteren Kommentaren.

 

Zu dieser Zeit nahm Neumann einen Posten als Assistent am Orient-Institut beim Indologen Georg Bühler an. Die nächsten Jahre verbrachte er mit der Übersetzung diverser Schriften, die er auch als Buch herausbrachte. In diese Zeit fiel auch seine eifrige Korrespondenz und Freundschaft mit dem geistesverwandten Giuseppe De Lorenzo (1871–1957) aus Bari. Dieser brachte u.a. eine italienische Übersetzung des Werkes von Neumann heraus und war der Pionier des italienischen Buddhismus. Während eines kurzen Zwischenspiels in Berlin erblickte 1897 Sohn Karl August Neumann das Licht der Welt. 1899 kehrte Neumann mit seiner Familie wieder nach Wien zurück und übersetzte hier „Die Lieder der Mönche und Nonnen“.  

 

1906 verlor Neumann bei einem Bankkrach sein gesamtes Vermögen und musste sogar die hochgeschätzte siamesische Ausgabe des Tipitaka veräußern, welche ihm vom siamesischen König vermacht worden war. Seine Erbschaft nach dem Tod des Vaters linderte fürs Erste seine kritische finanzielle Situation. 

Sterbeeintrag v. Dr. Karl Eugen Neumann gest. 18.10.1915
Grab von Karl Eugen Neumann am Zentralfriedhof in Wien

Karl Eugen Neumann litt an einem Herzfehler. Nach einer Lungenentzündung starb er am 18.Oktober 1915. Es war der Tag seines 50. Geburtstags. Bestattet wurde er in einem ehrenhalber gewidmeten Grab am Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 82B, Reihe2, Nr. 18).

 

Eugen Karl Neumann war der erste maßgebliche Übersetzer buddhistischer Schriften in eine europäische Sprache. Das machte ihn auch zum Wegbereiter des Buddhismus im deutschsprachigen Raum. Heute gelten Neumanns Übersetzungen in vielerlei Hinsicht zwar als „veraltet", stellen aber dennoch  eine bedeutende Pionierarbeit dar. Eine Gesamtausgabe seines Werkes erschien 1957 im Paul Zsolnay Verlag in Wien. 

 

Der Sohn Karl August Neumann (1897-1947)

Karl August Neumann

Karl August Neumann wurde 1897 in Berlin geboren. Er erbte das musikalische Talent seines Großvaters Angelo Josef Neumann. Sein Lehrer war Carl Beines. Seine Bühnenlaufbahn als Bariton startete er 1917 am Stadttheater Mainz. Danach war er an verschiedenen Opernhäusern tätig, u. a. auch in der Volksoper Wien.  1933 holte ihn Heinz Tietjen an die Staatsoper Berlin, deren Mitglied er bis zu seinem Tod blieb. Im selben Jahr sang er auch bei den Bayreuther Festspielen.  

 

Karl August Neumann wirkte an mehreren Opernpremieren mit, so z.B. sang er 1936 in Berlin bei der Uraufführung der Oper "Halka" von Moniuszko. Seine großen Rollen waren "Don Giovanni", "Rigoletto", der Titelheld in Alban Bergs "Wozzeck", "Marcello" in "La Bohème" von Puccini, "Wolfram" in "Tannhäuser" und "Beckmesser" in den "Meistersingern". In letzterer Rolle war er 1933 bei den Bayreuther Festspielen zu sehen und zu hören. 1941 trat er an der Grand Opéra Paris als "Melot" in "Tristan" auf.

Theaterzettel 1927

Neben seinen bewegenden Bühnenauftritten sang Karl August Neumann auch in zahlreichen Konzerten. 

 

Während der Zeit des Nationalsozialismus konnte Karl August Neumann nur mit einer von Generalintendant Heinz Tietjen erwirkten Sondergenehmigung auftreten. Seine Frau Irma Grawi (*1890) war nach damaliger Definition „Volljüdin“, womit Neumann nicht Mitglied der Reichstheaterkammer sein durfte. Mit der Sonderregelung aber trat er weiter bei zahlreichen Opernproduktionen und als Konzertsänger im In- und Ausland auf. 

 

1939 brach für das junge Paar eine schreckliche Zeit an. Anfang des Jahres musste sich Karl August einer lebensgefährlichen Magen-Darm-Operation unterziehen. Nach vier Monaten Krankenhausaufenthalt war er weiterhin rekonvaleszent und musste das Bett hüten. Seine Frau pflegte ihn und kämpfte um sein Leben. Im Juli 1939 war er endlich wieder so weit hergestellt, dass er zur Erholung nach Buch am Ammersee fahren konnte. Dort warf ihn 2 Monate später eine Grippe neuerlich zurück. Noch dazu verschlimmerte sich sein Zustand durch eine Lungenentzündung. Am 1. September brach dann der Krieg aus. 

 

Seine Frau Irma sorgte sich um ihre Schwester Dr. Erna Grawi in Berlin. Diese wurde gezwungen in einer Rüstungsfabrik zu arbeiten. Karl August bat Hermann Göring in einem Brief, seine Schwägerin bei sich aufnehmen zu dürfen. Das Schreiben wurde mit Kündigungsdrohungen beantwortet. Vor dem Transport der jüdischen Arbeiter nach Polen, konnte Irma ihre Schwester noch verstecken lassen. 

 

Im Feber 1943 ging Karl August mit der Oper auf Tournee nach Italien. Seine Frau sollte in der Zwischenzeit sicherheitshalber zu Freunden nach Leipzig reisen, von wo er sie bei seiner Rückfahrt abholen wollte. Aber Irmas Schwester wurde damals aufgrund der körperlichen Anstrengungen und der Auszehrung krank. Da Juden in Krankenhäusern nicht aufgenommen wurden, übernahm Irma ihre Pflege. Doch Erna starb an Herzversagen. Zu dieser Zeit starteten die Festnahmen und Abtransporte von jüdischen Partnern aus Mischehen. Irma gelangte noch nach Leipzig und brach dort erschöpft und krank zusammen. Als Karl August von den Ereignissen erfuhr, machte er seinem Hass auf die Nazis manchmal zu laut Luft. Die Neumanns waren auch in Widerstandskreisen bekannt.  

 

Im Juli 1944 wurden die Neumanns wegen angeblicher „Vorbereitung zum Hochverrat“ verhaftet. Karl August wurde vom Volksgerichtshof zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt.  Während Karl August noch inhaftiert war, erteilte ihm Joseph Goebbels im Jänner 1945 persönlich Berufsverbot. Irma wurde nach Auschwitz deportiert und später von dort nach Ravensbrück überstellt. Als sich die alliierten Armeen näherten, wurden etwa 10.000 weibliche Häftlinge, darunter auch Irma Neumann, auf einen Marsch durch Sachsen getrieben. Sie schloss sich dann einer Gruppe von russischen Häftlingen an, mit denen sie schließlich am 26. April 1945 Oschatz erreichten, wo sie von amerikanischen Truppen befreit wurden.  

Karl August Neumann

Karl August hatte ebenfalls überlebt und sie trafen sich in Leipzig wieder. Sie kehrten dann nach Berlin zurück, wo sie ihre Wohnung zerstört und ausgeplündert vorfanden.  Das Wichtigste aber hatten sie retten können – ihr Leben. 

 

Da niemand etwas von Karl August Neumann wusste, nahm man an, dass er tot sei. Daher bestellte die Oper jemand anderen zum Intendanten. Also arbeitete Karl August dann wieder als Sänger und Regisseur an der Berliner Oper, wo er bis zu seinem Tod blieb. Außerdem engagierte er sich in der Entnazifizierungskommission, war Vorsitzender der Oper und Lehrer an der Hochschule für Musik. Seine Frau Irma betätigte sich als Lehrerin und Sprecherin im Radio.  

 

Karl August Neumann starb am 18. September 1947 nach einer Operation im Alter von nur 50 Jahren in Berlin.


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Kommentare: 2
  • #1

    Kerstin (Samstag, 10 Dezember 2022 07:25)

    Liebe Karin,
    wieder einmal ein toll geschriebener und sehr interessanter Eintrag.
    Eine ruhige und friedvolle Vorweihnachtszeit wünsche ich Dir und Deinen Lieben.

  • #2

    Gabi Steindl (Dienstag, 13 Dezember 2022 13:37)

    Hallo Karin,
    danke, dass du uns das ganze Jahr mit tollen Beiträgen versorgt hast. Ich freue mich schon auf neue, spannende Familiengeschichten im nächsten Jahr. Ich wünsche dir und allen Lesern des Blogs ein entspanntes Weihnachtsfest und ein gesundes Jahr 2023.